Ehrenjungfrauen und Sensenmänner

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Eine Vitrine zum Ellwanger Turnverein mit der schwarz-rot-goldenen Fahne: Darüber freuen sich (v.l.) Museumsleiter Matthias Steuer, GAV-Vorsitzender Thomas Rathgeb, Julius Gaugler (TSV-Marketing), Dr. Michael Hofmann und TSV-Vorsitzender Günther Haas.
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Zur Gründung des TSV Ellwangen vor 175 Jahren beschäftigt sich Dr. Michael Hoffmann mit der Turnerbewegung. Im Schlossmuseum ist eine Vitrine mit der originalen Fahne bestückt.

Ellwangen

Wer waren die Männer, die 1846 den „Turnverein“ gegründet haben, aus dem später der „Turn- und Sportverein“ wurde? Dr. Michael Hoffmann, Historiker und Vorstandsmitglied im Geschichts- und Altertumsverein, vergleicht sie mit „Punks und Hippies“. Aufgrund ihrer Ideen von Freiheit und nationaler Begeisterung seien die Turner als Rebellen und Fanatiker betrachtet und nach 1848 sogar polizeilich verfolgt worden.

Im Württembergsaal des Schlossmuseums wird deutlich, dass die Turner Teil einer Bewegung in einer Zeit des Aufbruchs waren. Zwischen Feuerwehr und Schnitzelbank sieht man jetzt die schwarz-rot-goldene Fahne der Turner und die „Sensen“, mit denen sie sich in der großen nationalen Freiheitsbewegung 1848 bewaffnet haben.

Großes Vorbild war Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der 1811 auf der Hasenheide in Berlin den ersten Turnplatz eröffnet hatte. Nicht um Sport im heutigen Sinne ging es, sondern um die Freiheit an sich und die von Napoleon im besonderen.

Als 1844 Gymnastik sogar Unterrichtsfach an den Gymnasien wurde, gründete sich 1846 auch der Ellwanger Turnverein. Die ersten Turner waren Männer wie der Justizassessor Julius Hölder, der Justizreferendar und Burschenschaftler Elias Gottlob Friedrich Härlin, der Oberjustizrat Julius Sattler, der jüdische Buchhändler Moritz Heß und der Lehrer Nikolaus Keicher. Weniger alteingesessene Ellwanger, sondern Zugezogene, die ihre Ideen von den Universitäten mitgebracht hatten.

Doch sie fanden hier schnell Gleichgesinnte, es war auch jeder willkommen, ob Katholik, Protestant oder Israelit. Der Verein wuchs und das „Frisch, fromm, fröhlich, frei“, Jahns Leitspruch, nahmen die Turner ernst. Die politische Diskussion war im Vormärz essenziell, überall wurde um Freiheit, Demokratie und die Frage der nationalen Einigung gestritten. Auch äußerlich grenzten sich die Turner ab, trugen graue Jacken, enge halbhohe Hosen und den Hecker-Hut, an dem die schwarz-rot-goldene Kokarde prangte.

1848 radikalisierten sich einige „Turnergemeinden“ und riefen zu den Waffen. In Ellwangen blieb man trotz Fecht- und Schießübungen gemäßigt, die „Sensen“ trug man als Symbol. Dennoch stand der Turnverein zeitweise unter Kontrolle, es gab Hausdurchsuchungen, Protokolle wurden konfisziert.

„Ein Glücksfall“, sagt Hofmann, so blieben uns wertvolle Quellen bis heute erhalten.“

Der Vortrag von Dr. Michael Hoffmann ist unter www.gav-ellwangen.de zu hören.

Frisch, fromm, fröhlich, frei.“

Leitspruch der Turner, Nach Turnvater Jahn

Vormärz und Biedermeier im Schlossmuseum

Das erwachende Selbstbewusstsein des Bürgertums im 19. Jahrhundert führt auch in Ellwangen zu einer Reihe von Vereinsgründungen: 1824 entsteht der „Singverein“, der später zu Liederkranz und Sängerbund Oratorienchor führt. 1848 entsteht der „Vaterländische Verein“, der die sich für liberale Politik und nationale Einigung einsetzt. Als Gegenpart bildet sich im selben Jahr der „Katholische Volksverein“, konservativ ausgerichtet. 1851 entsteht auf Anregung der Turner eine Feuerwehrkompanie. Ebenfalls 1851 entsteht „der Pennäler Schnitzelbank“. Im Museum gibt es zahlreiche Exponate dazu.

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