Ein triumphaler Abschied

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Die Franzosenhütte im Wald bei Rotenbach erinnert noch heute an die Jahre 1870/71, den deutsch-französischen Krieg.
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Im Juni 1871 werden die französischen Kriegsgefangenen mit Musik zum Bahnhof geleitet. Mancher kommt später zu Besuch.

Ellwangen

Während 1871 in Frankreich weiter gekämpft wird und sich die Spitäler, auch in Ellwangen, mit verletzten Soldaten füllen, räumen in den Ellwanger Wäldern französische Kriegsgefangene das Sturmholz ab. Und man scheint mit der Arbeit der gefangenen Franzosen zufrieden zu sein. "Durch ihr fast ausnahmslos gesetztes und friedfertiges Auftreten erwarben sie sich rasch die Zuneigung der Bürger und in mehr als einem Hause waren einzelne Gefangene bald regelmäßige und gern gesehene Gäste", schreibt Dr. Schott.

Selbst in der Abgeordnetenkammer in Stuttgart spricht man über die gefangenen Franzosen, die in Ellwangen arbeiten müssen.

Der Ellwanger Abgeordnete Friedrich Retter soll dort am 4. Januar 1871 über ein weiteres Darlehen an das Kriegsministerium abstimmen. Er nutzt seine Rede, um seine Meinung zu diesem Krieg auszudrücken: "Es ist nahezu unbegreiflich wie zwei hoch gebildete Nachbarvölker, deren Wohlfahrt auf dem Frieden beruht, sich so zerfleischen und ruinieren können. Die Großmächte hätten dieses grässliche Unglück verhüten sollen" sagt er, wenige Tage bevor das Kaiserreich proklamiert wird. "Jetzt muss dieser Riesenkampf durchgeklopft werden. (...) Hierfür von mir den letzten Mann und den letzten Gulden", sagt er und dann wirbt er für Ellwangen als Garnisonsstadt. Im Schloss seien jetzt 200 Kriegsgefangene kaserniert. Es hätten gut dreimal so viele Platz: "Der Beweis ist hiedurch geliefert, dass sich das herrliche und gesunde Schloß sehr gut zu einer Garnison eignen würde. Ich erlaube mir daher an den Herrn Kriegsminister die höfliche Bitte, es möge bei Formation des neuen Bataillons zur Unterbringung desselben Ellwangen bedacht werden. Denn wenn wir diese Suppe müssen einbrocken helfen, dann wollen wir auch mit zu Tische sitzen."

Tatsächlich wird Ellwangen wirklich Garnisonsstadt, aber erst 1915, als die heutige Reinhardt-Kaserne als Unteroffizier-Vorbildungsanstalt errichtet wird.

Franzosenhütte als Unterstand

Im Schrezheimer Forst gehen die Aufräumarbeiten weiter. Noch heute steht im "Franzosenschlag", wie ein Waldabteil zwischen Rotenbach und Hinterlengenberg heißt, die "Franzosenhütte", die als Unterstand von den Gefangenen selbst gezimmert wird. Sie hätten sich als "willige und brauchbare Arbeiter erwiesen" schreibt später die Monatszeitschrift für das Forst- und Jagdwesen.

Der letzte Zinngießer von Ellwangen, Carl Josef Bullinger, wird den Wachmannschaften zugeteilt, weil er französisch spricht. Bullinger verbrachte fünf Jahre seiner Wanderschaft in Straßburg und Paris und wird schnell zum Vertrauten der Kriegsgefangenen, die seinen Namen wie "Boulanger" aussprechen.

An Weihnachten gibt es für die Franzosen eine Überraschung: Ökonomierat Walcher organisiert für sie und ihre Bewacher eine Feier: "Im hell erleuchteten mit einem Lichterprangenden Tannenbaum geschmückten Rittersaal wurden nach Gesang und Ansprache in 250 Tellern Äpfel, Nüsse, Schnitzbrot und ein Labetrunk gereicht", schreibt Dr. Schott.

Hierfür von mir den letzten Mann und den letzten Gulden.

Friedrich Retter Abgeordneter im Landtag

Dass die Franzosen in Ellwangen ausgesprochen gut behandelt werden, davon berichten auch französische Militärgeistliche, die ihre gefangenen Landsleute aufsuchen. Entsprechende Berichte sind überliefert. Etwa der von B. de Chaulin vom Juli 1871, nachzulesen in der "Allgemeinen Zeitung München" vom am 8. Januar 1872: Die Franzosen leben demnach "mit den Bewohnern von Ellwangen im besten Einvernehmen". Der Geistliche Pater Josef lese für die Franzosen täglich in der katholischen Stadtkirche die Messe. Nur einen Todesfall habe es unter den Gefangenen gegeben.

Er heißt Joseph Schuk, ein 25-Jähriger aus dem Moseldepartement, der am 11. Februar einem nervösen Fieber erlag. Das lesen wir bei Schott. Er beschreibt einen langen Trauerzug zum Friedhof St. Wolfgang, in den sich nicht nur die Gefangenen sondern auch ein großer Teil der Einwohnerschaft einreihen. Das Stadtschultheißenamt verfügt, dass der französische Soldat, der direkt am Kriegerdenkmal beigesetzt wird, niemals ausgegraben werden darf und dass das Grab auf Kosten der Stadt gepflegt werde.

Am 15. März 1871, knapp zwei Wochen nach der Reichsstagswahl, (bei der im Wahlbezirk der Jurist Karl Streich, parteilos, gewählt wird) verlassen die ersten Franzosen die Stadt. Es sind 20 Elsässer, die jetzt wie die Deutschen Reichsbürger sind genauso wie die 13 Lothringer, die am 1. Juni gehen dürfen.

Als die übrigen am 6. Juni von der baldigen Freilassung hören, ziehen sie am Tag darauf "mit der laubgezierten französischen Trikolore jubelnd und singend in ihr Quartier", berichtet Schott.

Am 9. Juni gleicht der Abschied einem triumphalen Zug, als die Kriegsgefangenen vom Schloss herab zum Bahnhof marschieren. Am Schlosstor erwartet sie eine zufällig anwesende österreichische Militärkapelle und geleitet sie zu den Klängen des Radetzkymarsches zum Zug. "Mit warmem Händedruck und Dankesworten trennten sich die Franzosen von der guten Stadt", heißt es bei Schott.

1910 kommt einer der Kriegsgefangenen, Nikolaus Schmitt aus Paris, noch einmal nach Ellwangen zurück. Wie die Zeitung berichtet, wollte er dieses kleine Städtchen wiedersehen, in dem er 1870/71 gefangen war. Ein Foto zeigt ihn draußen im Wald bei Rotenbach, vor der Franzosenhütte.

Anmerkung: Herzlicher Dank gebührt Eberhard Veit, für Unterlagen aus seinem Privatarchiv.

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Nikolaus Schmitt (r.) aus Paris, einer von 200 Kriegsgefangenen, besuchte am 4. März 1910 Ellwangen und die Franzosenhütte.
Carl-Josef Bullinger vor seinem Geschäft in der Marienstraße, Ecke Pfarrgasse.

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