Eine Großfamilie als Krippenfiguren

+
Irmgard Speck und Reinhold Schnepf mit den Figuren, die sie darstellen: die beiden sind die einzigen aus der 12-köpfigen Kinderschar, die noch am Leben sind.
  • schließen

Der Bildhauer Hans Schnepf hat 1945 seine ganze Familie mit 12 Kindern in einer Weihnachtskrippe porträtiert. Reinhold Schnepf und Irmgard Speck erzählen, wie es dazu kam.

Ellwangen Es gibt viele außergewöhnliche Krippen in der Stadt zu sehen, schließlich hat Ellwangen eine alte katholische Tradition. Die Hauskrippe der Familie Hans Schnepf ist jedoch etwas Besonderes, weil sie der bekannte Ellwanger Bildhauer für die Weihnacht 1945 nach lebenden Personen geschnitzt hat. Wie es dazu kam, erzählen Reinhold Schnepf und Irmgard Speck. Die beiden sind die einzigen der zwölf Geschwister, die noch am Leben sind.

"Mein Vater wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen, obwohl er damals bereits Vater von zehn Kindern war. Das war eine ganz üble Bestrafung dafür, dass er sich weigerte, in die Partei einzutreten", erzählt Reinhold Schnepf, der 1935 als neuntes Kind geboren wurde und deshalb Adolf Hitler zum Paten bekam. Die Familie von Hans Schnepf und Lina, geborene Steidle, lebte damals im Spital, das heutige Rathaus, wo der Bildhauer im Erdgeschoss seine Werkstatt hatte. Die Wohnung war im Obergeschoss des Ostflügels, zur Badgasse hin. "Wir hatten zwar nur vier Zimmer, aber die waren riesig, richtige Säle", erzählt Reinhold. "An Weihnachten gingen wir im Haus immer auf Herbergssuche, mit einer großen Madonnenfigur besuchten wir die alten Spitalbewohner in ihren Zimmern", erinnert sich Irmgard, die 1943 geboren wurde. Später zog die Familie in die Hermann-Weller-Straße um.

Der Vater war im Krieg zeitweise in Schwäbisch Gmünd eingesetzt, musste dann auch bei Dresden und in Breslau kämpfen, als die Front näherrückte. Im Frühjahr 1945 kam Hans Schnepf in amerikanische Gefangenschaft und wurde in einem Gefangenenlager im Elsaß eingesperrt. Die letzten Kriegswochen und die Gefangenschaft setzten ihm zu. Reinhold Schnepf: "Mein Vater hatte über 100 Kilo, als er eingezogen wurde und als er zurückkam, wog er noch 50."

Hans Schnepf war glücklich, dass er den Krieg überlebt hatte, zwei seiner Söhne, ebenfalls Soldaten, waren noch nicht daheim. Von dem Ältesten, Hans, 1925 geboren, hatte die Familie noch immer keine Nachricht, er wurde seit 1944 vermisst. Und um Bruno, 1926 geboren, der Marinesoldat war, bangte die Familie jeden Tag. Er befand sich in Ronchamp in Kriegsgefangenschaft und war einem Minenräumkommando zugeteilt.

Gleich nach der Rückkehr im August 1945 erklärte Hans Schnepf, er werde auf Weihnachten eine Familienkrippe schnitzen, aus Dankbarkeit für seine glückliche Heimkehr. "Wir Kinder mussten ihm in der Werkstatt reihenweise Modell sitzen", erinnert sich Reinhold. Der Vater machte sich Skizzen und schnitzte dann jede Figur mit typischen Eigenheiten und sehr feinen Gesichtszügen.

Die älteste, Maria, die alle nur Maja riefen, stellt er als Maria dar, die zweitälteste, Gretel, wird zum Verkündigungsengel. "Weil sie die Schönste war", sagt Reinhold. Die beiden ältesten Buben, Hans und Bruno, schnitzt der Vater als liegende Hirten, am Lagerfeuer. Beide muss er nach Fotografien, oder vielmehr aus der Erinnerung porträtieren, weil sie noch nicht aus dem Krieg zurück sind.

Damals wusste Hans Schnepf nicht, dass er die beiden nie wieder sehen würde. Dass er Hans und Bruno als die einzigen liegenden Figuren darstellt, soll vielleicht auf ihre Abwesenheit hinweisen. Hans wird nie gefunden, Bruno stirbt im August 1946 in Gefangenschaft, als sein Pferdegespann auf eine Mine fährt.

Hariolf (1928 geboren) ist das fünfte Kind. Ihn stellt Hans Schnepf kniend mit einer Hirtenflöte dar. "Hariolf war tatsächlich der Musiker unter uns", sagt Reinhold. Eugen (1930) wird als Hirte mit einem Stab geschnitzt. Er führt später die Werkstatt des Vaters weiter. Die 1932 geborene Lisl kniet vor dem Jesuskind mit einem Korb in der Hand, Marta (1934) steht betend dabei, Reinhold (1935) ist mit einem Zicklein dargestellt, Paula (1937) mit einem Korb voller Äpfel. Der 1942 geborene Walter steht mit einem Lamm auf dem Arm neben der Mutter Lina Schnepf und die Jüngste, Irmgard (1943) steht da mit einer Blume in den Händen.

Die ganze Familie ist dargestellt, nur der Vater nicht. "Ich schnitze mich später dazu, wie ich mit einem Krügle Most aus dem Keller komm", hatte der Vater erklärt. Er kam jedoch nie dazu, sich selbst zu porträtieren, bis er 1967 starb. Erst vor drei Jahren, als der Enkel Thomas Schnepf in Tirol einen Bildschnitzer kennengelernt hatte, dem er den Auftrag gab, wurde die Figur des Vaters mit dem Mostkrug hinzugefügt. Wie man ihn kannte, mit der Baskenmütze auf dem Kopf, sitzt Hans Schnepf auf einer Bank.

Ein Mysterium hat die Schnepf-Familienkrippe auch: das ist der Josef. Niemand weiß, wen der Vater hier dargestellt hat, zur Familie gehört die Person jedenfalls nicht.

Info: Die Krippe ist in einem Fenster des "Goldenen Hirsch" in der Marienstraße ausgestellt.

"Wir Kinder mussten ihm in der Werkstatt reihenweise Modell sitzen",

Reinhold Schnepf, Neunter von 12 Kindern
Reinhold Schnepf als Hirte mit Zicklein.
Die ältesten Söhne Bruno und Hans sind als liegende Hirten dargestellt. Der Vater hat sie aus der Erinnerung geschnitzt.
Der Hirte mit der Flöte ist Hariolf Schnepf.
Die Gesichtszüge sind sehr fein ausgeführt. Irmgard, die Jüngste, war damals erst drei Jahre alt.
Schnepf-Krippe, die heilige Familie.
Der Verkündigungsengel ist Gretel, der Hirte mit Stab ist Eugen Schnepf.

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

Mehr zum Thema

Kommentare