Einsamkeit, die Geisel unserer Zeit

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Die Mutter Oberin der Anna Schwestern, Sr.Veronika Mätzler, an der Skulpturengruppe des Mutterhauses. Sie stellt den heiligen Franz von Assisi, die heilige Klara und ihre Schwester dar.
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Vor 100 Jahren wurden die St.-Anna-Schwestern gegründet. Sr. Veronika Mätzler erklärt im Interview, wie sich das Ordensleben in dieser Zeit verändert hat.

Ellwangen

Was Pfarrer Anton Eberhard, Gründer der Anna Schwestern, Franziskanerinnen von Ellwangen, wohl heute sagen würde? 1921 bekam die Terziarin Sr. Kreszentia als erste ihr Ordenskleid. 1924 wurde sie in Ellwangen Mutter Oberin und das „Annaheim“, die von den Schwestern geführte und betreute Geburtsstation, war überregional gefragt. Ein Gespräch mit Sr. Veronika Mätzler, derzeit Mutter Oberin.

Was würde Pfarrer Eberhard heute zu den Anna Schwestern sagen?

Sr. Veronika: Das „Annaheim“ gibt es seit 2007 nicht mehr. Auf dem Areal pflegen wir heute alte und sterbende Menschen im Seniorenheim und Hospiz. Wir waren in den 1960-er Jahren 250, heute sind wir noch 45 Schwestern. Trotzdem glaube ich, dass Pfarrer Eberhard noch immer stolz auf seine Gründung wäre. Er war sehr pragmatisch, nach der Maxime „Wo ist die Not der Zeit, was brauchen die Menschen“ versuchte er zu helfen.

Und wo ist heute die Not der Zeit?

Heute gibt es viel geistige Not, vielen Menschen droht die Vereinsamung. Ich glaube, Einsamkeit ist die große Geisel unserer Zeit.

Und was tun die Anna Schwestern dagegen?

Wir haben in Stuttgart ein neues Projekt, das 'Haus der Stille'. Das wird von den Schwestern Judith und Leonie betreut. Wer fürchtet, in unserer Leistungsgesellschaft zu scheitern, und einen Platz sucht, um wieder zu sich zu finden, kann sich dorthin zurückziehen.

Warum sollte man sich zurückziehen wollen, wenn man einsam ist?

Weil der Verlust der eigenen Mitte einsam macht. Begegnungen bleiben oberflächlich, Aktivitäten in den sozialen Medien, die Suche nach 'Likes' und 'Freunden', das scheint mir immer wieder ein Ausdruck von Einsamkeit, ein Hilferuf zu sein. Uns ist die persönliche Begegnung wichtig, in einem überschaubaren Rahmen. Das Haus der Stille hat acht Gästezimmer. Wer dorthin kommt, hat die Ruhe, um in sich hineinzuhören und herauszufinden, was fehlt.

Kennt man sich als Ordensschwester besonders gut aus mit der Einsamkeit?

Den Wert der Gemeinschaft im Orden habe ich erst später erkannt. Ich bin aus rein religiösen Erwägungen eingetreten, weil ich in meinem Glauben ernst machen wollte. Natürlich sind wir auch eine Lebensgemeinschaft, eine, in der man sich die anderen nicht aussucht. Man stärkt einander, aber das Zusammenleben kann auch anstrengend sein. Was man spürt: die Gemeinschaft trägt, besonders wenn man in Not ist. Wir können auch gut miteinander feiern.

Wie geht es 100 Jahre nach der Gründung weiter?

Unser Ordensleben hat sich verändert. Gegründet wurden wir als religiöser Verein, die Regeln des Klosterlebens mussten hinter der täglichen Arbeit zurückstehen. Auch unser Ordenskleid war freier. Damals trugen viele Frauenorden ja noch die Flügelhaube. Wie geht es weiter? Wir werden im hier und heute leben und Gott in unserer Mitte. Wir setzen auf das Evangelium, das hat sich in 2000 Jahren bewährt.

Können sich heute noch Frauen für das Ordensleben begeistern?

Sr. Katharina ist zuletzt in den Orden eingetreten, vor vier Jahren wurde sie eingekleidet. Wir bieten auch die Möglichkeit zu einem freiwilligen Ordensjahr an. Da gibt es jedes Jahr Frauen, die das machen wollen. Wir haben dazu im 'Haus Klara' einen Mitlebekonvent gebildet. In der Pandemie gab es mehr Anfragen zu einer Auszeit.

Was bewegt die Frauen dazu, ein solches Ordensjahr machen?

Die meisten wollen den persönlichen Glauben vertiefen. Herausfinden 'Wer ist Gott für mich? Was will er von mir?' Daneben sehen sie, was unsere Gemeinschaft ausmacht. Wir sind arm, aber nicht mittellos, wir sind gehorsam aber nicht willenlos, wir sind ehelos aber nicht beziehungslos.

Wir werden weiter im hier und heute leben und Gott in unsrer Mitte.“

Sr. Veronika Mätzler, Mutter Oberin

Zum Jubiläum ein „Tag des offenen Klosters“

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens findet am Sonntag, 18. Juli, um 10.30 Uhr in der Schönenbergkirche ein Pontifikalamt mit Bischof Dr. Gebhard Fürst statt. Ab 14 Uhr laden die Anna Schwestern in das Mutterhaus zum „Tag des offenen Klosters“ ein mit Kaffee und Kuchen, der neuen Ausstellung „100 Jahre Anna-Schwestern“ und dem Alleinunterhalter Peter Jagusch (Zauberer - Magier - Artist - Jongleur). Um 17 Uhr ist Abschluss mit einem Vespergebet, das vom "Orchesterle" der Anna-Schwestern gestaltet wird. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, es sind jedoch die aktuellen Coronaverordnungen zu beachten.

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