Ellwangen: "Mitte der Gesellschaft" auf der Straße

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Die Gegendemonstranten bildeten zuerst eine Menschenkette vom Fuchseck zur Apothekergasse, dann sammelten sie sich auf dem Marktplatz, der mit einer Barriere unterteilt war.
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Montagsspaziergänger und Gegendemonstranten verfehlen sich am Montagabend in der Innenstadt knapp. Hier wie dort stehen ganz normale Menschen.

Ellwangen

Die Vorzeichen sind besorgniserregend vor diesem „Montagsspaziergang“: Seit November treffen sie sich jede Woche, stumme Spaziergänger mit Kerzen, die so ihren Protest gegen die Einschränkungen der Coronaverordnungen und die drohende Impfpflicht ausdrücken, zuletzt rund 300 Menschen.

Es sind ruhige Veranstaltungen in Ellwangen, nur ganz verhalten mal ein Zwischenruf. Vom „rechten Rand“ ist nichts zu sehen. „Aus der Mitte der Gesellschaft“ kommen die „Spaziergänger“, urteilt Oberbürgermeister Michael Dambacher.

Am Donnerstag sagt der Landrat, diese Spaziergänge seien anmeldepflichtige Veranstaltungen, die aber weiter geduldet würden, wenn sie friedlich bleiben. Am Freitag dann die Ankündigung einer Gegenveranstaltung, unterstützt vom Ortsverein der „Grünen“ und allen Fraktionen im Gemeinderat.

Und nun? Am Montagabend fürchten Polizei und Ordnungsamt, dass es zu Aggressionen kommen könnte, wenn sich die Gruppen begegnen. Zehn Polizeifahrzeuge sind im Einsatz, beobachten und lenken die rund 300 Spaziergänger, die sich im „Schönen Graben“ treffen, über Sebastiansgraben, Siemensbrücke, Haller Straße Richtung Stadt „spazieren“. Fahrzeuge des Malteser Hilfsdienstes sind zu sehen. Rechnet hier jemand mit Verletzten?

Kurzfristige Entscheidung, die Gegenveranstaltung darf nicht am Rathaus stattfinden. Bernadette Kohler hat die Demo angemeldet, sie arbeitet in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung in der Badgasse. Matthias Kümpflein und die Mitbewohner haben Transparente an ihren Rollstühlen und Rollatoren befestigt: „Team Booster“, „Impfen statt schimpfen“, „Solidarität und Wissenschaft sind der einzige Weg aus der Pandemie“, steht darauf. Sie stehen für alle, die verletzlicher sind, die das Virus fürchten.

Solidarität und Wissenschaft sind der einzige Weg aus der Pandemie.“

Plakat der Gegendemonstranten

Treffen auf dem Marktplatz

Immer mehr Menschen kommen hinzu, einige Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sind darunter, Geschäftsleute, Rentner. Man sieht Leute, die schwer an Corona erkrankt, sogar im Krankenhaus waren. Es ist die „stumme Mitte der Gesellschaft“, so war in dem Aufruf in der Zeitung zu lesen, die ein Zeichen setzen will gegen die montäglichen „Spaziergänger“.

Was als Menschenkette vom Fuchseck zur Apothekergasse beginnt, wird schließlich zum allgemeinen Zusammenkommen auf dem Marktplatz. 150 Menschen stehen hier, auf Abstand und mit Maske. Die Zahlen sind Schätzung der Polizei.

Wo bleiben die „Spaziergänger“? Man hört, hunderte sollen auf der Haller Straße unterwegs sein. 300 sagt später die Polizei. Kommen sie jetzt doch noch in die Innenstadt, auf den Marktplatz? Kommt es jetzt zur Konfrontation?

Aufgeregte Stimmen, Polizisten sprechen in Funkgeräte, diskutieren mit dem Leiter des Ordnungsamtes, Thomas Steidle. Auf dem Marktplatz wird ein Lied angestimmt: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“.

Vor einer Woche haben dasselbe Lied die Montagsspaziergänger an derselben Stelle gesungen. Heute ist der Marktplatz vorsichtshalber mit rot-weißen Abschrankungen zweigeteilt. Dazwischen zehn Meter „Niemandsland“, eine Gasse, die direkt zur Tür der Basilika führt. Das ist der Sicherheitsabstand für diese beiden Gruppen.

Kleine Gruppen diskutieren

Es kommt hier und heute nicht zum Zusammentreffen der Spaziergänger und der Gegendemonstranten, die beide um Freiheit und Demokratie in diesem Lande fürchten. Am Fuchseck löst sich der Montagsspaziergang auf, manche sind schon vorher abgebogen, einzelne stellen noch Kerzen vor die Rathaustür. Kleine Gruppen stehen noch, diskutieren, auch mit Pressevertretern. „Seit Wochen will ich im Musikgeschäft Noten für meine Tochter kaufen und darf nicht rein, weil ich nicht geimpft bin“, ruft eine Frau. Ein älterer Herr empört sich über die Impfpflicht: „Sogar die Kinder. Aber meine Enkel beschütze ich bis zum Letzten.“

In der allgemeinen Auflösung begegnet man sich, in der Spitalstraße, in der Marienstraße, ohne zu erkennen, wer vom Marktplatz kommt und wer vom Fuchseck. Es ist fast wie nach einer Konzertveranstaltung oder nach dem Gardeappell.

Die Mitte der Gesellschaft, ohne Barrikaden nicht zu unterscheiden.

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Der Marktplatz ist sicherheitshabler mit Barrieren abgetrennt. In der Mitte eine Gasse bis zum Tor der Basilika.
Die Wohngruppe Badgasse wirbt mit Plakaten am Rollator für Impfen und Boostern.
Am Fuchseck löst sich der Montagsspaziergang auf. Viele haben sich schon vorher verabschiedet.

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