Ellwanger Storchendrama: Wo die Unterstützung endet

  • Weitere
    schließen
+
Helmut Vaas im Jahr 2018 beim Beringen der Jungstörche im Ellwanger Nest. Er ist gespannt, wie viele von den vier geschlüpften Störchen tatsächlich durchkommen. Im Moment leben noch drei.
  • schließen

Weil es sich in Plastikschnüren verheddert hat, wurde ein Storchenjunges aus dem Nest geworfen und hing im Schneegitter fest.

Ellwangen

Heftige Angriffe musste der Ellwanger Weißstorchbeauftragte Helmut Vaas aushalten, nachdem er vom jüngsten Vorfall im Storchennest auf seiner Facebookseite berichtet hat.

Was war geschehen? Eines der vier Storchenjungen hatte sich am Pfingstmontag in Plastikmüll verheddert, den die Störche zum Nestbau verwendeten. Das noch lebende Küken wurde aus dem Nest geworfen, wie es bei Störchen so üblich ist, wenn ein Junges schwächelt. Nun hing der kleine Storch im Schneefanggitter.

Vaas hatte den Vorfall auf seiner Facebookseite veröffentlicht. Er berichtet regelmäßig über die Horste, die er betreut. Prompt entwickelte sich ein hoch emotionaler Chatverlauf. Sogar Geld wurde für eine Rettungsaktion angeboten und heftige Vorwürfe wurden laut, Vaas habe nicht alles unternommen, um den jungen Storch zu retten.

Dabei hatte der Weißstorchbeauftragte sogar Kontakt mit der Feuerwehr. Doch schnell war klar, ein Drehleiter- oder Kraneinsatz wäre unmöglich oder zumindest extrem riskant.

Für Helmut Vaas war damit der Fall klar: "Ich bringe keine Menschen in Gefahr, um ein Storchenjunges zu retten." Zumal ein Rettungsversuch ohnehin zu spät gekommen wäre, weil sich das Tier in der Mittagshitze schon nach einer Stunde nicht mehr bewegte.

Menschenleben riskiere ich für einen Vogel nicht.

Helmut Vaas Weißstorchbeauftragter

Für Helmut Vaas stellt sich ständig die Frage: wie weit soll und darf der Mensch in die Storchenwelt eingreifen? Im Grunde ist das Bereitstellen von Nisthilfen bereits ein Eingriff, der jedoch auch verhindern soll, dass die Störche ihr Nest dort bauen, wo es den Menschen stört.

Mancherorts wird in trockenen Jahren den Störchen Futter angeboten. Vaas lehnt das ab, auch auf die Gefahr hin, dass der Nachwuchs eingeht. "Mit einer Fütterung verlieren die Wildtiere den Abstand zum Menschen. Da kann ich gleich einen Zoo anfangen."

Selbst die Rettung und das Aufpäppeln von verletzten Tieren in Pflegestationen ist eine zweischneidige Sache. Vaas berichtet von einem Jungstorch aus Dinkelsbühl, der aus dem Nest geworfen wurde, nachdem er bereits beringt war. Es gelang zwar, ihn groß zu ziehen und nach mehreren Versuchen konnte man ihn auch auswildern. Doch so selbstständig wie ein echtes Wildtier wurde er nicht. Ständig gingen Meldungen ein, dass dieser Storch abgemagert aufgefunden wurde, in Pflegestationen landete oder bei Menschen um Futter bettelte. "Ein solches Tier kann sich meist nicht in die Reproduktionskette einreihen", sagt Vaas.

Der Weißstorch ist zwar nach wie vor geschützt, doch die Population entwickelt sich explosiv. 1975 gab es in Baden-Württemberg gerade einmal 15 Brutpaare. Aufgrund verschiedener Aufzucht- und Auswilderungsprojekte stieg die Zahl auf 267 Storchenpaare im Jahr 2003. Und im vergangenen Jahr wurden landesweit 1337 Storchenhorste gezählt. Mancherorts bilden die Tiere bereits Kolonien, etwa in Oettingen, wo mehr als 20 Weißstorchpaare brüten.

"Die Entwicklung bekommt demnächst ohnehin einen Knick", ist Vaas überzeugt. Das Futterangebot reiche für so viele Tiere nicht aus. In Storchenkolonien zeige sich, dass oft nur noch ein oder zwei Junge großgezogen werden.

Dieser Jungstorch hat sich in Plastikmüll verheddert und wurde aus dem Ellwanger Nest geworfen.

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

WEITERE ARTIKEL