Er ist der Glücksfall des Museums

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Er ist ein Glücksfall für das Schlossmuseum. Zu seinen Führungen reisen Menschen von weit her, dabei war das alles ursprünglich so nicht geplant.
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Wie der Leiter des Schlossmuseums Matthias Steuer seit einem Vierteljahrhundert seine Leidenschaft lebt und sich noch keinen Tag gelangweilt hat

Ellwangen

Es ist 16.03 Uhr: Wenn Matthias Steuer auf die digitale Uhr schaut, dann rattert sein Gehirn sofort los: Viel spannender als die Uhrzeit ist doch, was im Jahr 1603 in Ellwangen los war. Sein Gedächtnis ist eine halbe Ellwanger Geschichtsdatenbank. Für den Rest gibt es seine unzähligen Bände an Fachliteratur. Da findet er selbst nachts ohne Licht im Regal, was er sucht. So oft nimmt er bei seinen Forschungen viele davon zur Hand.

Wenn Maria Wiedmann, seine Heimat- und Sachkundelehrerin, Ellwangens Geschichte lebendig werden ließ, faszinierte es den Steppke. Inzwischen ist er fast 50. Und versteht es selbst vortrefflich, andere für Ellwangens Geschichte, die ihm so sehr am Herzen liegt, zu interessieren. Seit 25 Jahren leitet Matthias Steuer das Schlossmuseum. Für den Geschichts- und Altertumsverein, der das Schlossmuseum betreibt und bei dem er als eines der jüngsten Mitglieder „zur Krabbelgruppe gehört“, wie er grinsend sagt, ist der 49-Jährige ein absoluter Glücksfall. Und das Museum selbst? Das ist Glück für ihn. Weil er seine Leidenschaft leben kann. Und sie mit anderen teilen.

Geschichte als Passion

Ellwangens „wahnsinnig schöne Geschichte“ war seine große Passion, neben dem Sport. Als Jugendlicher zog's ihn hoch aufs Schloss ins Museum. Irmhild Schäfer an der Kasse hat den Teenager gern „so“ reingelassen. Freute sich an dessen außergewöhnlichem Interesse. Statt Comics verschlang er die Artikel der Ellwanger Jahrbücher. Später war dann aber der Plan, Sozialpädagogik zu studieren. Zuvor absolvierte er einen Museumsführungskurs. Und ließ sich an dessen Ende schriftlich geben, dass er nie nie nie eine Führung machen muss.

Er wollte nur im Schloss sein, mithelfen, Aufsichtsschichten übernehmen. Dann, eines Tages, wurde der Führer krank, die Gruppe stand schon da. „Matthias, Sie machen das jetzt.“ „Ich???“ Und da war es, das kalte Wasser. Die Erfahrung: neu. Und: gar nicht soooo schlimm. Seitdem ist über ein Vierteljahrhundert vergangen. Und Matthias Steuers große Spezialität sind: … Führungen. Knapp 30 Sonderführungen für Erwachsene wie Anekdotenführungen oder welche zur Hexenverfolgung hat er im Lauf der Jahre ausgearbeitet, immer 15 sind aktuell im Programm, dieselbe Anzahl für Kinder. Deren Offenheit für Geschichte freut ihn ganz besonders. Auf die immer neuen Themen kommt er durchs Zuhören. Im Gespräch mit den Besuchern hört er raus, was die schon immer mal wissen wollten. Dann macht er sich auf die Spur des neuen Themas, vergräbt sich in Dokumenten und Württembergs großen Archiven – in seinem Urlaub. Das ist für ihn (ent)spannender als Mallorcas Strand.

„Mit unseren Sonderführungen erreichen wir Leute, die sonst ein Museum nie von innen sehen würden.“ Deshalb sei das Publikum auch so stark gefächert: Es sind nicht nur Geschichtsfreaks. Im Gegenteil. „Wir haben viele junge Leute zwischen 25 und 35 hier, 90 Prozent unserer Gäste haben mit Geschichte nichts am Hut.“ Es kommen Sportvereine, Anglergruppen oder Kaffeekränzchen. Aufmerksam werden diese oft durch Steuers Veröffentlichungen. Einen ganzen Stapel Broschüren und Büchern (15 bis 20) hat er inzwischen verfasst. Zum Beispiel das von „König Lustik und den Veitlesschmatzern“, das innerhalb von drei Tagen vergriffen war. „Ich möchte dem Publikum das Erlebnis Schloss zu ermöglichen.“ Ohne abstrakte Fremdwörter, nie trocken, immer lebendig und spannend. Da darf der Museumsgast dann auch ins Verlies oder die historische Schlossküche oder genießt besondere „Lichtmomente“ oder das Schloss bei Mondschein. Und übrigens: Da hat der Museumsleiter theoretisch Feierabend. Praktisch verbringt er viele seiner Abende mit Besuchergruppen. Genauso wie die Wochenenden. Oder den Sommer. Urlaub in der Hauptsaison? Undenkbar. Der 1. FC Köln-Fan hat ein Faible dafür, die Vergangenheit vor seinem inneren Auge lebendig werden zu lassen. „Ich lebe mit der Geschichte. Wenn ich abends nochmal durch die Räume gehe, wird das hier für mich irgendwie lebendig.“

Ungeplant, aber glücklich

Nein, geplant war das alles überhaupt nicht so. Er schüttelt selbst immer wieder ungläubig den Kopf und lacht, wenn er dran denkt, wie das alles so kam. „Eigentlich ist das fast unglaublich.“ Das Museum brauchte einen Betreuer, er sagte zu. „Kann ich schon machen für ein Jahr.“ Das Motto: Hier haben Sie den Schlüssel. Machen Sie mal. Anders formuliert: „Ich konnte mich entfalten.“ Enormes Vertrauen in den damals 24-Jährigen. Enttäuscht hat er nie. Nach dem Jahr hatte der Geschichts- und Altertumsverein noch keinen Museumsleiter gefunden. Steuer verlängerte. Nach Ablauf dieser zwei Jahre „hat es von beiden Seiten so gestimmt“, dass keiner mehr etwas an dieser bislang provisorischen Situation ändern wollte. Er machte eine Verwaltungsausbildung. Und das Museum zu einem Erfolg. Viel spannende Geschichte ist da. Steuer ist derjenige, der immer Neues ausgräbt. „Mein Beruf ist so vielfältig. Es fährt sich nichts ein.“ Sein Wissen packt er in unterhaltsame, interessante Führungen, für die die Leute durch halb Deutschland fahren. Sein feiner Humor, seine menschenfreundliche Art tun ein Übriges.

Einen ganzen Stapel Broschüren und Publikationen zur Ellwanger Stadtgeschichte hat Matthias Steuer bereits herausgegeben.

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