Erdgas: extreme Risiken am Himmel

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Mit Erdgas haben die Stadtwerke Ellwangen eine Menge Geld verdient. Derzeit ist das Modell komplett in Frage gestellt.
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Wie der Krieg in der Ukraine und die Unsicherheit der Erdgasversorgung das Geschäftsmodell der Stadtwerke Ellwangen herausfordern.

Ellwangen

Als Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Warnstufe 1 in der Erdgasversorgung ausrief, war jeder gezwungen, sich vorzustellen: Was wenn von heute auf morgen kein Erdgas mehr aus Sibirien kommt?  „Dabei reagierte Habeck nur auf die Bitten der Energiewirtschaft, denn wir bereiten uns schon seit Wochen auf die mögliche Notlage vor“, sagt Stefan Powolny, Geschäftsführer der Stadtwerke Ellwangen.

Wie kann man den Gasverbrauch schnell reduzieren, welche Kunden können zur Not auf andere Energieträger umstellen? Welche Kunden betreiben systemrelevante Anlagen, welche nicht? Oder anders ausgedrückt: Wer kann früher abgehängt werden, wer muss so lange wie möglich am Netz bleiben? Details aus diesem Notfallplan gibt Powolny nicht preis, nur so viel: „Die Versorgungs- und Bädergesellschaft fällt als erstes raus, sobald die weg sind, die sich alternativ versorgen können.“

Die Überlegungen im Notfallplan sind alles andere als trivial, denn im Hintergrund schwebt die Frage des Haftungsrisikos für Produktionsausfälle. Da hatten sich die Energieversorger eine klare Antwort des Bundesministers erhofft. Doch die kam nicht. Powolny: „So wie es im Moment aussieht, bleibt die Entscheidung, wer versorgt wird und wer nicht am Ende bei uns hängen.“

In der momentanen Unsicherheit fühlt sich kein Unternehmer wohl und so überlegt mancher im Moment, wie er sein Unternehmen zu einem systemrelevanten Betrieb machen könnte. Eine Möglichkeit: Zusätzlich eine das Stromnetz stabilisierende Energieerzeugung betreiben.

Privatkunden bleibt nur, ihre Heizung ein, zwei Grad kälter zu schalten, um Gas zu sparen, getreu dem Aufruf Habecks: „Jede Kilowattstunde zählt.“

Ohne die Wetterkapriolen wäre die Einsparung bereits messbar, ist Powolny überzeugt. „Dabei haben wir im Moment gar keinen Erdgasmangel. Der Stoff fließt nach wie vor.“

Der Leiter der Stadtwerke muss jetzt drei Aufgaben parallel lösen:  1. Gas für die Kunden einkaufen. 2. die Notfallpläne schmieden und 3. sein Unternehmen auf die Nach-Gas-Ära ausrichten.

Zum ersten Punkt: Schon jetzt zeigt sich am Markt, dass sich der Gaspreis für den Endkunden mehr als verdoppeln wird. Das sieht Powolny, wenn er jetzt für 2023 oder 2024 ordert. „Wir werden wohl noch zur Jahresmitte eine Preiserhöhung bekannt geben müssen und den Privatkunden auch neue Abschläge verkünden. Damit es zum Jahresende kein böses Erwachen gibt.“

Zu den Notfallplänen könnte Powolny noch einiges sagen. Zum Beispiel, dass die Diskussion um finanziellen Ausgleich für den gestiegenen Spritpreis am eigentlichen Thema vorbeiging. Das wahre Problem seien die Heizungen. „Welcher Gaskunde hat denn kurzfristig eine Alternative? Da liegt das wirkliche soziale Problem“,  sagt der Stadtwerkechef, der jedes Jahr 200 Gigawattstunden Erdgas ausliefert. „Um das zu ersetzen, bräuchte man 20 Millionen Liter Heizöl. Und wir beliefern nur Kunden in Ellwangen“, macht er den Energiebedarf anschaulich, der durch einen Erdgasboykott kurzfristig entstünde.

Womit wir bei der strategischen Neuausrichtung der Stadtwerke Ellwangen wären. Da drängen sich unangenehme Fragen auf.  Wie lange trägt das Gasgeschäft noch, das seit 40 Jahren die Cash-cow ist? Und was ist das städtische Gasnetz eigentlich noch wert, wenn kein Erdgas mehr kommt beziehungsweise, wenn es so teuer wird, dass es sich niemand mehr leisten kann?

Diese Fragen stellt man sich bei den Stadtwerken nicht erst seit dem 24. Februar. Unter dem Stichwort „Klimaneutralität“ lagen die grundlegenden Probleme bereits auf dem Tisch. Nur dachte man, Erdgas könnte eine angenehme Zwischenlösung sein, bis neue Technologien den Ausstieg erleichtern.

Jetzt müssen die Strategien, wie man Altbauquartiere über Fernwärme heizen kann, ganz schnell kommen. Erste Überlegungen für den „Wärmeplan“ sind ja bereits gemacht. Allerdings gibt Powolny zu bedenken: „Auch für die Fernwärme muss irgendwo eine Flamme brennen.“ Mit Strom allein kann man Vorlauftemperaturen von 60 oder 70 Grad nicht effizient erreichen. Powolny spricht von „Gasen“, die auch in Zukunft fließen werden und lässt offen, ob das Biogas, Flüssiggas oder Wasserstoff sein wird.

In der Krise zeigen sich für die Stadtwerke auch neue Chancen: Sie könnten Wärmeversorger werden mit einem Mix an Lösungen: Hackschnitzel, Solarthermie, Speicher, intelligente Verteilung. Auch das Gasnetz wird nicht wertlos, glaubt Powolny.

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