Extremes Interesse im Lockdown

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Die Registratur im Keller des Rathauses ist proppevoll. Stadtarchivar Christoph Remmele hofft auf eine Lösung.
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Stadtarchivar beantwortet Fragen nach Kuttelsuppenkult, evakuiert Akten und weiß, wo sich Papier wohl fühlt.

Ellwangen

Im Lockdown hat es einen extremen Anstieg an Anfragen gegeben“, sagt Stadtarchivar Christoph Remmele, als er im Kulturausschuss der Stadt Ellwangen aus den vergangenen drei Jahren berichtet. „Da haben die Leute offenbar die unfreiwillige Freizeit genutzt, um sich mit etwas Geschichtlichem zu befassen.“ Viele hätten dann Ahnenforschung betrieben. Das langfristige Mittel liege bei zwischen 120 und 130 schriftlichen Fragen pro Jahr. Die eher geringen internen Nutzerzahlen täuschten: Vieles seien Zwischen-Tür-und-Angel-Anfragen – beispielsweise wenn es um handschriftliche Vermerke in alten Bauplänen geht - oder werde auf dem Rathausflur geklärt. Und tauche dann nicht in der Statistik auf. Nur wenige können die alte deutsche Schrift noch lesen. Der Archivar aber muss es.

Fragen von Bürgern seien gerne zur Ortsgeschichte. Aber auch Kurioseres wie „Wie entwickelten sich 1919 die Gebühren im postalischen Nachbarortsverkehr in Ellwangen?“ Oder: Wie alt ist der Kuttelsuppenkult? Olga Wächter sei nach 15 Jahren in der Registratur in Rente gegangen. Ihre Stelle teilten sich seit Mai Marina Reinhardt-Fleischer und Bianca Fallenbüchel. Sie hätten 2021 rund 30 Meter Akten-Material zur Aufbewahrung in der Registratur von den Dienststellen übernommen. Das Registraturgut wachse in jedem Jahr um zehn bis fünfzehn Meter an, in den Regalen werde es voller und voller. „Wir haben derzeit circa 850 Meter Sachakten, 510 Meter Bauakten, 110 Meter Baustatiken.“ Insgesamt komme die Registratur auf 1560 Meter. „Das ist Fullhouse. Wir sind überbelegt“, schildert der Stadtarchivar die Platznot. Es werde noch einige Jahre dauern, bis sich die Digitalisierung in spürbaren Entlastungen im Papieraufkommen niederschlage. Die zum Teil langen gesetzlichen Aufbewahrungsfristen zögen den Prozess in die Länge. Oberbürgermeister Michael Dambacher bestätigt: Elektronische Akten würden bei Gericht nicht anerkannt. Bauakten und Urkunden müssten noch immer im Original vorgelegt werden. 30 Meter Rechnungen seien wegen der Platznot in einen Raum im Peutinger Gymnasium ausgelagert worden.

Im Wertsicherungsraum habe das Archivteam den Bilderbestand auf Vordermann gebracht, alles neu verzeichnet, erfasst und fotografisch dokumentiert, berichtete der Archivar. Die Archivbestände der Stadtgemeinde Ellwangen bis 1920, die im Keller des PG unter ungünstigen Bedingungen einlagert gewesen seien, „haben wir evakuiert“. 50 bis 75 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von 20 bis 25 Grad im Sommer - „das ist ein Klima, in dem Schimmel gedeihen kann.“ Bei 18 Grad und weniger als 50 Prozent Luftfeuchtigkeit fühle sich Papier wohl. Und so ist es im Rathauskeller.

Professionell fotografiert und dokumentiert worden sei die Gemäldesammlung und ein Scanner angeschafft. Der sei zwar teuer, doch die Kosten relativierten sich, wenn man bedenke, wie teuer das unsachgemäße Scannen auf handelsüblichen Kopiergeräten werden könne. „Von der Kopiererei geht Ihnen die Bindung kaputt. Für ein restauriertes Amtsbuch des 19. Jahrhunderts sind pro Band schnell 300-400 Euro fällig. Und wir haben hunderte dieser Bücher.“ Die 14000 Euro für den Scanner seien gut angelegt, weil dadurch hohe Folgekosten langfristig vermieden werden.

Was das Archivteam zudem beschäftigt? Seit 2019 gibt es im Jahresprogramm des Geschichts- und Altertumsvereins die Vortragsreihe „Kriminalfälle aus dem Stadtarchiv“. Neu sei das rathausinterne „Donnerstagsfundstück“. Die Webpräsenz sei erweitert worden. Nun könne man sich beispielsweise das Bestandsfindbuch zu den Akten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als PDF herunterladen und in Ruhe studieren. Ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit falle mittlerweile im Zusammenhang mit der Einführung des Dokumenten-Management-Systems an. Dem Stadtarchivar obliegt die Schulung der DMS-Nutzer, die Pflege des Aktenplans und die Betreuung des digitalen Aktenbestands. „Ihr Engagement ist herausragend“, lobt Ausschussmitglied Fritz Widmann.

Das ist Fullhouse. Wir sind überbelegt.“

Christoph Remmele, Stadtarchivar

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