Fall des zu Tode misshandelten Jungen: Es gibt keine Zeugen für den Tritt

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Verhandlungstag 2 im Fall des zu Tode misshandelten Jungen.
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Im Fall des zu Tode misshandelten Jungen sagen Ermittlungsbeamte aus. Worauf die Verteidigung hinaus will.

Ellwangen

Der 33-jährige Lebensgefährte der Mutter steht in dringendem Verdacht, einen knapp zweijährigen Jungen in Aufhausen getötet zu haben. Der Kleine war im Oktober 2021 in das Ostalbklinikum eingeliefert worden. Vielleicht war er schon tot, als die Mutter den Notruf absetzte. Richter Bernhard Fritsch hat am zweiten Prozesstag die Beweisaufnahme eröffnet.

Zuvor teilte er mit, „dass wir uns die Videos der Zeugenvernehmungen von der Mutter und den Geschwistern nicht ansehen können.“ Die Voraussetzungen dafür laut Paragraf 275a Strafprozessordnung seien nicht gegeben, da es sich nicht um richterliche Vernehmungen gehandelt habe. Man könne aber die Vernehmungsbeamten befragen und man habe die Protokolle, die nur dann nicht verwertbar wären, wenn die Belehrungen nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden wären.

Die Verteidigung, die gleich zu Prozessbeginn Einspruch gegen die Verwendung der Videos eingelegt hatte, kündigte nun auch Einspruch gegen die Verwendung der Zeugenaussagen an. Hintergrund ist offenbar, dass die Kriminalbeamten die Kinder zwar korrekt belehrt darüber hatten, dass sie keine Aussagen machen müssen, die ihre Mutter belasten könnten. Ob die Kinder die Belehrung auch verstanden und die Tragweite ihrer Aussagen verstanden haben, ist jedoch offen. Die Beamten hätten einen Richter oder Rechtsbeistand hinzuziehen müssen, um zu verhindern, dass die Zeugen sich selbst oder ihre Angehörigen belasten.

33-Jähriger ohne Gefühlsregung

Währenddessen sitzt der 33-jährige Bauhelfer, der in Hand- und Fußfesseln in den Saal geführt wurde, ohne sichtbare Gefühlsregung da. Er lässt sich von zwei Rechtsanwältinnen verteidigen: Sandra Ebert und Sarah Schwegler. Sie fragen die Zeugen immer wieder nach dem 15-jährigen Halbbruder des Opfers. Ist der Junge nur impulsiv oder kann er auch jähzornig und gewalttätig werden? Ist das Medikament Risperidon, das die Polizei bei der Wohnungsdurchsuchung gefunden hat, wirklich nur bei ADHS angezeigt oder auch bei aggressiven Kindern mit geistiger Behinderung? Was unausgesprochen bleibt: könnte der Bruder dem Opfer die Verletzungen zugeführt haben? Die Beamten, die ursprünglich auch in diese Richtung ermittelt haben, sehen keinen Hinweis.

Dass die Verteidigung verhindern will, dass die Aussagen der Kinder verwertet werden, hat einen einfachen Grund: Sie belasten den Angeklagten schwer. Der Älteste hat beobachtet, dass der Kleine immer dann geschrien hat und Verletzungen aufwies, wenn der 33-Jährige ihn zum Wickeln ins Wohnzimmer mitnahm und sorgsam die Tür hinter sich schloss. So groß war der Verdacht, dass er die Mutter aufforderte, etwas zu unternehmen. Was sie nicht tat, weshalb die Staatsanwaltschaft in einem separaten Verfahren gegen sie ermittelt.

Der Älteste überlegte sogar, eine versteckte Kamera im Wohnzimmer zu installieren und fotografierte den verletzten kleinen Bruder mit dem Handy. Die Bilder werden auf einem Bildschirm gezeigt und sind kaum zu ertragen: das angstvolle Gesicht eines kleinen Jungen, die Wange blau und angeschwollen, Pflaster überall im Gesicht. Mit Hilfe dieser Fotos und weiterer aus dem Chatverlauf der Mutter und des Angeklagten hat die Polizei eine Tabelle angelegt, die zeigt wie die Verletzungen zeitlich mit den Besuchen des Angeklagten übereinstimmen. Was sie offensichtlich erdrückend tun.

Ein wichtiges Indiz ist der „Krawattensatz“, den der älteste Sohn der Polizei mitgeteilt hat. Der Angeklagte sagte demnach, als der Bub bereits tot war, er habe immer „eine Krawatte bekommen“, wenn er den Kleinen sah, einen regelrechten Hass, aber jetzt liebe er ihn.

Was bislang fehlt, sind klare Beweise, um den Angeklagten zu überführen. Den schweren Tritt auf den Bauch, der den Darm des Kleinen reißen ließ, die Todesursache, hat niemand gesehen. Und die Bisswunden an Schenkeln, die in mindestens einem Fall eindeutig dem Angeklagten zugeordnet werden können, belegen keinen Totschlag. Auf dem Bandmitschnitt vom Notarzt-Anruf sagt der 33-Jährige: „Dem Kleinen ist der Darm gerissen“. Äußerlich zu sehen war die schwere innere Verletzung nicht, offenbart er also Täterwissen?

Am Nachmittag schildert der Rechtsmediziner Prof. Dr. Sebastian Kunz von der Uniklinik Ulm die weiteren Verletzungen des Toten: Teilabrisse der Lippen, angerissene Ohrläppchen, gezwickte Brustwarzen, zahllose Hämatome am ganzen Leib. Zum überwiegenden Teil könne sie sich ein Zweijähriger nicht selbst zugefügt haben. Der Darmabriss lasse sich nur mit einem wuchtigen Tritt erklären. Zwischenfrage der Verteidigung, muss ein Tritt in den Bauch zwangsläufig zu der tödlichen Verletzung führen? Nein, muss er nicht.

Im Gerichtssaal sitzen Presseleute und Besucher und folgen den Ausführungen fassungslos. Man versteht vor allem eines nicht: Wie konnte das monatelange Martyrium des Jungen geschehen, warum rief nimand die Polizei, wo doch so viele Personen das verletzte Kind sahen? 

"Die Videos der Zeugenvernehmungen von der Mutter und den Geschwistern können wir nicht ansehen.“

Bernard Fritsch, Richter

Prozesstag 1: Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

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