Fünfter Verhandlungstag: Der Gangster will Rapper sein

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Der 25-jährige Angeklagte aus dem Kosovo ist Intensivstraftäter und polizeibekannt. Er ist in Ellwangen und Umgebung kriminell, seit er zwölf Jahre alt ist.
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Bedrückende Verbrecherkarriere mit wachsender Gewalttätigkeit und ein literarisches Bekenntnis: Tag fünf am Landgericht.

Ellwangen

Vier Verhandlungstage war über den Angeklagten kaum etwas bekannt. Erst am Freitag wird die Vorgeschichte des 25-jährigen Angeklagten aus dem Kosovo offenbart. Der Vorsitzende Richter Jochen Fleischer hat einiges zu tun, als er das Vorstrafenregister verliest: zehn mal vorbestraft, zuletzt zu zehn Jahren Freiheitsentzug, das Maximum im Jugendstrafrecht.

Mit zwölf Jahren geht es los, kleinere Diebstähle, später kommt Körperverletzung und Einbruch hinzu. Autos gestohlen, gefahren, mutwillig zerstört, mit 15 Diebstahl mit dem Messer in der Tasche, dann wird es Raub mit Körperverletzung. Mit 17 sitzt der Kosovare in der Jugendstrafanstalt und geht auf einen Mitgefangenen los.

Als er vorzeitig entlassen wird, kommt es im September 2013 zu einer Serie von bewaffneten Überfällen in der Region. Auf die Spielhalle "Ambassador" in Aalen, Norma, Jet-Tankstelle und Autohof in Ellwangen, Einbrüche in die Rupert-Mayer-Schule und das Altenheim Rötlenmühle, zuletzt ein Überfall auf den Rewe in Wasseralfingen. Der junge Mann, der im Kosovo geboren ist und mit zehn Jahren nach Deutschland kommt, wo der Vater arbeitet, ist nicht zu stoppen.

In der JVA Ellwangen in Untersuchungshaft gelingt ihm kurzzeitig sogar die Flucht, als er eine Verletzung am Knöchel vortäuscht und in die Virngrundklinik gebracht wird. Als ihn zwei Justizbeamte zurückbringen wollen, kann er sie mit seinen Krücken überwältigen und verschwinden. Einen Tag später schnappt ihn die Polizei in Aalen und das Landgericht verurteilt ihn zu acht Jahren Haft. Auch im Jugendgefängnis ändert er sich nicht, wird mehrfach gewalttätig gegen Mitgefangene.

Im Juni 2018, noch bevor der mittlerweile 23-Jährige die zehn Jahre verbüßen kann, wird er als Intensivstraftäter abgeschoben. Er ist Kosovare und in Deutschland nur geduldet.

Doch kurz nach dem Banküberfall am 2. Januar 2019 in Jagstzell ist klar: der Mann ist wieder hier. Die Polizei überwacht ihn, kann jedoch nicht verhindern, dass am 9. März in Crailsheim der Lidl überfallen und am 1. April in ein Einfamilienhaus eingebrochen wird.

Beide Taten werden ihm vorgeworfen, beide Mal geht der Täter mit roher Gewalt vor, traumatisiert, beziehungsweise verletzt die Opfer ganz bewusst. Und das Gericht geht davon aus, dass der Angeklagte wegen dieser Taten verurteilt werden kann. Das macht Jochen Fleischer in einer vorläufigen Würdigung der Kammer deutlich. Die Hehlerei hat der Angeklagte bereits eingeräumt.

Ich kenne keine Gnade, denn ich hab in mir nur Hass.

aus einem Raptext des Angeklagten

Nicht nur weil Oberstaatsanwalt Jörg Böhmer es beantragt hat, steht jetzt die Sicherungsverwahrung im Raum. Bei dieser kriminellen Karriere kann niemand ausschließen, dass der Kosovare eine Gefahr für die Allgemeinheit bleibt. Und dann liest Jochen Fleischer noch aus einem Heft mit handgeschriebenen Texten des Angeklagten vor. Die hat man in seinem Zimmer bei einer Durchsuchung der Wohnung der Eltern gefunden.

In den Raptexten brüstet er sich als echter Gangster, im Gegensatz zu den anderen Rappern die ihre Taten nur erträumt hätten. Er prahlt mit Details der Überfälle, "Verbrenne die Tatkleider", erklärt die Flucht aus der Untersuchungshaft damit, dass er den Mittäter kriegen wollte, der ihn als Kronzeuge verpfiffen hat. "Ich kenne keine Reue, ihr Pisser", "Ich kenne keine Gnade, denn ich hab in mir nur Hass", heißt es da. "Ich bin der Getto-Kommissar, ich ziehe mich zurück nur wenn ich Geld zähle", "Dieser Albaner ist agro, von Natur aus Verbrecher" "Und wenn es sein muss, dann muss ich halt morden".

Auch wenn der Verteidiger sagt, es könne um die Beweislast nicht gut bestellt sein, wenn das Gericht sogar Rap-Texte hinzuziehen muss. Das Bild, das die Vorstrafen, die Gutachten, die Stellungnahmen aus den Jugendvollzugsanstalten und seine eigenen Texte von diesem Mann ablegen, ist ziemlich eindeutig: Er ist eine Gefahr für andere.

Der Angeklagte zeigt Gefühle

Saß er sonst regungslos auf seinem Stuhl, so zeigte er am Freitag zweimal Gefühle: Als das Gericht vorliest, wie er in Aalen von Hauptschule zu Hauptschule zieht, überall vorzeitig gehen muss, seine Eltern bekennen, dass sie ihn nicht mehr erreichen, da fängt der 25-Jährige an zu schluchzen. Und als der Richter die Rap-Texte vorliest, fragt er seinen Verteidiger verärgert, was das soll.

Fortsetzung der Verhandlung ist am 26. November um 8 Uhr. Dann soll die junge Frau als Zeugin befragt werden, die bis vor kurzem noch als Mitangeklagte neben ihm saß, dann aber lediglich wegen Hehlerei verurteilt wurde.

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