Gut versteckt durch die Checkpoints

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Nach dem Krieg durften Kinder wieder spielen. Das Bild wurde bei einem Seifenkistenrennen am Schlosshang aufgenommen, das die amerikanischen Befehlshaber veranstalteten.
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Wie sich der 14-jährige Hermann Lang und sein Freund Eberhard aus dem Lager Ochsenfurt absetzen und bis nach Ellwangen durchschlagen.

Ellwangen

Mai 1945: Der Krieg ist zu Ende. Der 14-jährige Hermann Lang und sein Freund Eberhard haben mit einer SS-Einheit in den Alpen kapituliert und kommen in Kriegsgefangenschaft. Weil sie sich als Hitlerjungen ausgeben, werden sie in ein Entlasslager bei Ochsenfurt verlegt und Bauern als Erntehelfer zugeteilt. Schließlich fliehen sie, um sich nach Ellwangen durchzuschlagen. Am ersten Tag schaffen sie es bis Blaufelden.

Nun versuchten wir unser Glück, von Haustür zu Haustür und baten um Unterkunft. An der dritten Tür durften wir in einem Zimmer mit Matratzen übernachten. Am nächsten Morgen bekamen wir sogar noch Frühstück, was nicht selbstverständlich war in dieser Zeit. Bei dem Bauern erkundigten wir uns nach dem Weg nach Crailsheim. Er meinte, auf der Hauptstraße sei es wohl am sichersten, auf den Nebenstraßen werde besonders genau kontrolliert. Viele ehemalige Soldaten hatten noch keine Entlasspapiere, wir natürlich auch nicht.

Die beiden Jungen gehen Richtung Rot am See, das sie am Nachmittag erreichen. Dort hält ein Jeep vor ihnen, drei amerikanische Soldaten springen heraus und wollen ihre Papiere sehen.

Wir stellten uns dumm und gaben an kein Englisch zu verstehen. Das Gespräch wurde heftiger und gefährlicher, es fielen die Begriffe "Werwolf", "Saboteure" und "Partisanen". Plötzlich nahte unsere Rettung, ein betrunkener GI, der die Situation beobachtet hatte, mischte sich ein. Er sagte zu den Kameraden: "Go on, let go!" und winkte uns zu gehen. Das nutzten wir und setzten uns Schritt für Schritt rückwärts ab während die vier Amerikaner miteinander stritten. An der nächsten Wegbiegung waren wir außer Sichtweite und schnurstracks liefen wir schnell davon. Später erfuhren wir, dass alle Soldaten ohne Papiere in ein großes Kriegsgefangenenlager nach Heilbronn kamen.

Ein betrunkener GI als Rettung

Von dort wurden deutsche Kriegsgefangene nach Frankreich deportiert und mussten in den Bergwerken arbeiten. Viele sind dort gestorben oder kamen erst nach Jahren Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause. Wir hatten Glück, auch ein betrunkener Soldat kann Gutes bewirken.

Den beiden, die noch die Uniformen tragen, wird klar, dass sie Zivilkleider brauchen. Sie fragen eine Frau, die eine Hose und eine Jacke, viel zu groß, hergibt. So kurz nach Kriegsende hat niemand etwas übrig. Hermann zieht die Jacke an, Eberhard die Hose, eine Schnur als Gürtel.

Kaum hatten wir die Straße erreicht, wurden wir schon wieder mutiger. Es kamen ab und zu Lastwagen vorbei, wenn uns einer mitnähme, kämen wir locker bis Crailsheim oder weiter, dachten wir. In der Ferne hörten wir Motorengeräusch, ein Lastwagen kam und wir hielten ihn an. Als er nur noch einige Meter entfernt war, sahen wir, dass es ein Amerikaner war. Unser Schreck war groß, der GI hielt an und fragte, wo wir hin wollten. "Nach Crailsheim", sagten wir. "Okay, come on" kam es zurück und der Beifahrer, auch Soldat, half uns beim Aufsteigen auf die Ladefläche.

Nachdem wir auf ein paar Kisten Platz genommen hatten, ging die Fahrt weiter. Die Soldaten reichten uns sogar ein Päckchen Kekse nach hinten, die wir natürlich gleich verspeisten, denn Hunger hatten wir immer. Als die nächste Kontrollstelle kam, mussten wir uns auf Anweisung des Fahrers flach hinlegen. Ob er ahnte, dass wir keine Papiere hatten oder ob er Strafe befürchtete, weil er Zivilisten im Auto hatte? Egal, wir hatten wieder Glück, der Lastwagen wurde nicht kontrolliert und wir stiegen in Crailsheim ab.

Die beiden gehen zu Fuß weiter nach Jagstheim, wo sie bei einem Bauern in der Knechtkammer übernachten. Als am nächsten Morgen der Bauer die Milchkannen auf einen Milchlaster lädt, der nach nach Jagstzell in die Molkerei fährt, fragen sie den Fahrer ob er sie mitnimmt.

Er sagte aber gleich, dass er niemand mitnehmen dürfe, weil auf der Brücke in Jagstzell ein Posten stehe und alle Fahrzeuge kontrolliere, die vorbei kommen. Nachdem wir ihm erzählt hatten, dass wir keine Papiere hatten und über Jagstzell nach Ellwangen wollten, machte er einen Vorschlag. Er werde die Milchkannen alle außen an die Bordwand stellen, dann bleibe in der Mitte etwas Platz und wir müssten uns dort ganz flach hinlegen. Das war ein gefährliches Unterfangen, für den Fahrer und für uns. Aber wenn wir heute noch nach Ellwangen kommen wollten, blieb uns nichts anderes übrig. Wir packten unser Sturmgepäck und dankten dem Fahrer. Bei dem Bauern, bei dem wir übernachteten, bedankten wir uns nicht groß: Kein Abendessen, kein Frühstück, naja es gibt auch solche.

Wir stellten uns dumm und sagten, wir könnten kein Englisch.

Hermann Lang

Versteckt durch die Kontrolle

Auf der Fahrt werden die beiden kräftig durchgeschüttelt. Wahrscheinlich war die Federung kaputt und konnte kurz nach dem Krieg nicht repariert werden. Unterwegs hält der Laster mehrmals an, weitere Milchkannen werden aufgeladen. Auch ein paar Kartons kommen hinzu, die der Fahrer so stapelt, dass man die zwei Jungen nicht sehen kann.

Dann näherten wir uns der Kontrollstelle auf der Brücke mitten in Jagstzell. Der Fahrer hatte uns vorher schon gesagt, dass er nicht anhalten werde. Die Molkerei war nämlich gleich nach der Brücke. Durch einen schmalen Spalt konnten wir den amerikanischen Militärposten erkennen, als wir über die Brücke fuhren. Doch so einfach, wie der Fahrer dachte, sollte es nicht werden. Der Amerikaner kam auf unseren Lastwagen zu und rief etwas auf Englisch, wohl dass er anhalten solle. Unser Fahrer hielt aber nicht an, winkte dem Soldaten und zeigte mit der Hand auf das Molkereigebäude auf der anderen Straßenseite. Als wir schon an der Laderampe standen riefen die beiden sich noch weiter irgendwelche Sätze zu, verstanden sich aber nicht. Irgendwann schrie der Fahrer "Halt die Klappe du Arschloch." Als die vorderen Kannen abgeladen waren, hatte sich der Amerikaner beruhigt. Er musste andere Fahrzeuge kontrollieren und wir schlichen gebückt von der Ladefläche in das Gebäude.

Die beiden marschieren weiter über Kalkhöfe Richtung Ellwangen und kommen endlich beim Schafhof aus dem Wald. Hier erfasst sie ein gewaltiger Schreck, denn sie stehen direkt vor einem Gefangenenlager der Amerikaner.

Wir zogen wieder in den Wald zurück und gingen Richtung Holbach, um von der anderen Seite nach Ellwangen zu gelangen. Auf dem Weg trafen wir Kinder, die ich kannte, das war eine große Freude. Sie klärten uns über die Lage auf, da es ja überall von Amerikanern nur so wimmelte. Wir kamen auf dem Weg zu unserer Wohnung an vielen amerikanischen Panzern und Soldaten vorbei, es war ein seltsames Gefühl. An unserem Haus angekommen, schaute meine Mutter gerade zum Fenster heraus.

Von der Mutter nicht erkannt

Sie erkannte mich nicht. Es war kein Wunder, die Kleider viel zu groß, die Haare seit langem nicht geschnitten, staubig und schmutzig war ich wohl kaum zu erkennen. Erst nachdem ich etwas gesagt hatte, war der Bann gebrochen und sie wusste, wer ich bin. Das gab eine herzliche Begrüßung, meine Mutter ließ mir gleich ein warmes Bad ein.

Nach kaum einer Stunde läutet zwei Männer mit weißen Armbinden, Hilfspolizei, an der Tür. Hermann Lang solle sich bei der Polizei melden.

Die Hilfssheriffs waren oft ehemalige KZ-Häftlinge, vielleicht waren sie sogar als Verbrecher eingesperrt worden. Am anderen Tag gingen Eberhard und ich zur Polizei in die Stadt. Zuerst wurde ich ausgefragt, woher ich gekommen sei. Ich hatte ja keine Papiere und kein Soldbuch. Wir erzählten, dass wir in Ochsenfurt im Gefangenenlager waren und dort täglich bei den Bauern arbeiteten, bis wir nicht mehr abgeholt wurden. Einer der Polizisten sagte, eigentlich müssten wir nach Heilbronn ins Gefangenenlager. Aber wir sollten uns am nächsten Tag beim städtischen Bauhof melden. Der Bauhofleiter teilte uns zur Straßenreinigung ein. Wir durften die Spitalstraße fegen, vom Fuchseck bis zur Kanne. Von unserem Kappo gab es einen Anschiss nach dem anderen, alle paar Meter. Es war ihm nicht sauber genug, wir sollten noch einmal kehren. An der Kanne hatten wir die Nase voll: wir schmissen Besen und Schaufel in den Handkarren, schoben ihn zum Bauhof zurück, stellten ihn dort ab und gingen nach Hause.

So endet Hermann Langs Tagebuch. Er wurde nicht weiter behelligt, machte später eine Ausbildung als Bäcker und arbeitete 35 Jahre beim Flurbereinigungs- und Wasserwirtschaftsamt.

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