Haft wegen zehn Euro: Keine Bewährung für 39-Jährigen

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Gericht Justiz
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Der Angeklagte soll im vergangenen Februar bei einer 91-Jährigen gewaltsam eingedrungen sein. Seine Beute: zehn Euro. Dafür wandert er nun ins Gefängnis.

Ellwangen. "Bitte helfen Sie mit Geld", soll auf dem Schild gestanden haben, das der Angeklagte M. aus Rumänien am frühen Nachmittag des 20. Februar dieses Jahres bei sich gehabt haben soll. Zusammen mit einem Partner habe er in Pfahlheim gebettelt, sei von Tür zu Tür gegangen. Bis er an jener von Frau R. stand. Die 91-Jährige wollte den unerwünschten Mann nicht hereinlassen - daraufhin habe er die Tür aufgedrückt und die Seniorin sechs Meter durch ihr Zuhause geschoben. Eine Tat, die der Dame keine Ruhe ließ - und den 39-Jährigen wegen räuberischer Erpressung vor das Amtsgericht Ellwangen brachte. 

Zehn Euro habe sie ihm übergeben, bevor das Opfer es schaffte, den Eindringling vor die Tür zu befördern. Bei ihrer anschließenden Aussage, so berichtet der Beamte der Kriminalpolizei im Zeugenstand, seien ihr mehrmals die Tränen gekommen. Richter Norbert Strecker verzichtet darauf, das Opfer vor Gericht zu hören, betont, dass er das normalerweise nicht mache.

"Ich finde es sehr gut, dass die Geschädigte nicht geladen wurde", sagt der Zeuge. Er berichtet von einer gebrechlichen Seniorin, die zwar im Kopf noch völlig fit sei, dafür aber umso schlechter auf den Beinen. Eine Dame, die das gewaltsame Eindringen in ihr Heim nicht so einfach weggesteckt hat. "Sie war total durch den Wind", so der Beamte. Erst kurz zuvor sei ihre Nachbarin in der angrenzenden Doppelhaushälfte verstorben, schon länger sei sie verwitwet. Detailliert habe sie die Tat geschildert, habe einen traumatisierten Eindruck gemacht. Mehrfach seien Tränen geflossen. "Ich bin fest davon überzeugt", so der Zeuge, "dass heute auch Tränen geflossen wären". 

Die Vorwürfe gegen ihn bestätigt der Angeklagte, der sich in der Verhandlung über eine Dolmetscherin äußert. Der 39-Jährige habe keinen Wohnsitz in Deutschland, wohne in Rumänien. Dort habe er als Hilfskraft gearbeitet, verdiene umgerechnet 200 Euro im Monat. Er sei bis dato noch nie im Gefängnis gewesen, die Zeit in Haft vor der Verhandlung, "war sehr schwer für mich. Ich verspreche, nie wieder so etwas zu machen". Bereits bei der Haftvorführung habe M. seine Tat umfänglich gestanden. In seinem Vorstrafenregister gebe es keine Einträge.

Staatsanwältin Burkhardt sieht keinen Grund, die Strafe für den Angeklagten sonderlich mild ausfallen zu lassen. Für wenig Beute habe sich der Angeklagte sehr aufdringlich verhalten und die Situation des körperlich "eindeutig unterlegenen" Opfers ausgenutzt. "Vor diesem Hintergrund kann ich keinen minderschweren Fall sehen." Zwar sei er geständig und frei von Vorstrafen, habe sich entschuldigt und wolle den Schaden begleichen. Die "kriminelle Energie", nach Deutschland zu fahren und dort bei älteren Menschen derartig zu betteln überwiege jedoch - "flapsig ausgedrückt: das geht gar nicht". Sie fordert eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten, mit dem Hintergrund, dass der Angeklagte zurück nach Rumänien wolle, zur Bewährung ausgesetzt. Wenn auch mit Auflagen. 

Strafverteidiger Timo Fuchs hingegen sieht einen minderschweren Fall. "Es gibt nichts zu beschönigen", räumt er ein. Doch sein Mandant wolle das auch nicht. Ab dem ersten Tag seiner Verhaftung habe er alles richtig gemacht. M. sei ein fleißiger Arbeiter, der auch bei vorherigen Aufenthalten in Deutschland nie mit der Staatsgewalt zu tun gehabt habe. Verteidigerin Valeria Szabo ergänzt, dass er das Opfer nur einschüchtern und nicht verletzen wollte. Die Freiheitsstrafe solle zur Bewährung verhängt werden, da der Angeklagte wegen der Sprachbarriere in Haft wie isoliert sei.

Für sein letztes Wort steht M. auf. Unter Tränen entschuldigt er sich erneut, wolle so etwas nie wieder tun und dass er zu seiner Familie zurück wolle. 

"Die Tat ist geprägt davon, dass man Gewalt gegen eine 91-Jährige anwendet", sagt Richter Norbert Strecker in der Urteilsverkündung. Zehn Euro habe er erbeutet, die die Frau aus Angst herausgegeben habe. Zwar spreche das frühe, umfängliche Geständnis für M., dennoch überwiege die "hohe kriminelle Energie" und die schweren Schäden des Opfers. Ein Jahr und vier Monate muss der Angeklagte ins Gefängnis. Grund für Bewährung sieht Strecker nicht - "im Gegenteil". Das Strafmaß bewege sich am unteren Rand des Möglichen. Hätte das Gericht keine Rücksicht auf mildernde Umstände des 39-Jährigen genommen, "wären wir viel, viel höher".

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