Herbstmilch intensiv in Szene gesetzt

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Barabara Stoll und Katja Uffelmann brachten in einer intensiven Stunde „Herbstmilch“ auf die Bühne.
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Im Speratushaus wurde das Publikum in das harte Leben vor fast 100 Jahren entführt.

Ellwangen. Das harte Leben der Bäuerin Anna Wimschneider brachten die Schauspielerinnen Barbara Stoll und Katja Uffelmann in einer Stunde auf die Bühne des Speratushaus. Bei einem Bühnenbild, das so karg war wie das Lebender Protagonistin, waren die gut siebzig Gäste am Sonntagabend mitgenommen von der Intensität der Darbietung der beiden Diplom-Schauspielerinnen.

Temporeich wechselten sie von Erzählung in die Situation. Chronologisch wurde das Leben der Bäuerin erzählt und gespielt, die ihre Lebenserinnerungen in dem Buch „Herbstmilch“veröffentlichte.

Bereits mit acht Jahren endete für Anna die Kindheit mit dem Tod der Mutter. Fortan hatte sie auf Geheiß des Vaters die neunköpfige Familie zu versorgen. Das Wort Kinderarbeit war 1927 unbekannt. Das Joch der Hausarbeit wurde durch ständige Ohrfeigen von Vater, Brüdern, Pfarrer, Nachbarn nur noch härter. Mit Mimik und Gestik, wechseln der Stühle, waren die beiden Schauspielerinnen mal Vater, Brüder, Pfarrer.

Das junge Mädchen, dauerüberlastet, immer hungrig wie die ganze Familie, glaubte damals tatsächlich, man könne sein Leben nicht selbst gestalten und arbeitete fast klaglos von morgens fünf Uhr bis zehn Uhr abends. Ein Arme-Leute-Leben, bei dem die Kinder weder Unterhose noch Strümpfe oder Schuhe für den Alltag besaßen. Auch als sie 1937 auf einem Fest den schneidigen Jungbauer Albert kennenlernte, verbesserte sich ihre Situation nach der Heirat 1939 nicht. Aus dem Familienjoch wurde nun ein Verwandten-Joch. Zwei gebrechliche Onkel, eine Tante und eine Schwiegermutter, die sie bis aufs Blut hasste. „Lauf. Dirndl, lauf!“, keifte die Schwiegermutter. Vor dem geistigen Auge der Gäste verrichtete Anna die Feldarbeit mit zwei Ochsen, kochte, putzte, schnitt den Alten die Fußnägel und holte ihnen die Batzen aus den Unterhosen. Ehemann Albert wurde längst in den Zweiten Weltkrieg eingezogen.

Als Anna neun Monate nach einem Fronturlaub von Albert eine Tochter zur Welt brachte, war diese auf dem Hof so unerwünscht wie die Mutter. Schwere Feldarbeit und tägliche Schikane der vier Alten hielten Anna nicht davon ab, Rückgrat zu zeigen.

Eindringlich zeigten die beiden Schauspielerinnen mit ihrem Spiel, wie zehrend jeder Tag für die Bäuerin war. Ein Ende fand das Martyrium, als Albert verwundet von der Front zurück kam. Abgerundet wurde das Theatererzählstück, indem sich die beiden Schauspielerinnen, auf ihren Holzstühlen sitzend,berichteten, wie Annas Leben weiter verlief.

Ohne je lange die Schule besucht zu haben, schrieb sie ihr Leben für die Kinder ihrer drei Töchter auf, kam in Radio und Fernsehen. Regisseur Joseph Vilsmaier brachte 1989 den Film mit dem gleichnamigen Titel ins Kino. Herbstmilch bezieht sich auf sauer gewordene Milch, die nicht mehr zum Verkauf geeignet und von den Bauern selber verzehrt wurde und neben Brot oft das einzige war, was auf den Tisch kam. Eine Stunde lang fühlten sich die Zuschauer hundert Jahre zurückversetzt ins bäuerliche Leben in Niederbayern und dankten für dieses intensive Erlebnis mit langanhaltendem Applaus. ⋌⋌Sabine Freimuth

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