Jüdisches Leben an der Jagst

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Aus einer Zeit, als jüdische Familien noch ganz selbstverständlich in das gesellschaftliche Leben integriert waren: Tanzstunde um 1920 mit Gertrud Neuburger (vorne, Mitte links).
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Derzeit werden zwei Gebäude an der Jagstbrücke abgerissen, die an jüdisches Leben in Ellwangen erinnern.

Ellwangen

Die Bagger verändern an der Jagst das Stadtbild: Abgerissen wird das grüne Eckgebäude an der Jagstbrücke, früher einmal das Eichamt, in dem vor Jahren noch der „Brillenladen“ war. Und dahinter der Stall ist weg, in dem in den 1970-er Jahren Leo Kuhlstrunk Altpapier, Altkleider und Alteisen annahm und in den 1980-er die Diskothek „Club“ war. Unaufhörlich verändert die Stadt ihr Gesicht. Die Firma Thomas Hald (Jagstzell) wird hier moderne Wohnungen bauen. „Und wieder verschwindet ein Stück jüdische Geschichte“, bedauert Peter Maile und zeigt aus seinem Archiv Fotos und Dokumente.

Schnell wird klar: Das Areal an der Jagstbrücke, direkt am Zugang zur Stadt, hat eine hochinteressante Geschichte, die es Wert wäre, grundlegend aufgearbeitet zu werden. Zunächst einmal zum Eichamt: Hier wurden Waagen und andere Messinstrumente geeicht, das heißt auf die in der Stadt geltenden Maße und Gewichte eingestellt. Dass dieses Amt direkt an der Jagstbrücke seinen Standort hatte, dürfte kein Zufall sei. Vermutlich musste einst jeder Händler, der auf den Märkten der Stadt etwas verkaufen wollte, hier seine Maßbecher, Wagen, Fässer, Meterstäbe „eichen“ lassen.

Das Eichamt hatte vor dem 2. Weltkrieg noch eine altertümliche Fassade und Erkerturm. Zeichnungen davon machte Stadtarchivar Christoph Remmele ausfindig. Als die SS im April 1945 die Jagstbrücke sprengte, wurde das Haus stark beschädigt. Die amerikanischen Soldaten schoben es dann mit einer Planierraupe zur Seite, als die Behelfsbrücke gebaut wurde.

Um 1920 wohnte im Eichamt der jüdische Pferdehändler Leopold Neuburger (1875-1928), Sohn von Samson Neuburger. Die Brüder Samson und Jakob zogen mit ihrer Pferdehandlung von Lauchheim 1882 nach Ellwangen und wohnten zunächst in der Apothekergasse 3. Wo ihre ersten Ställe waren, ist nicht klar. 1913 bauten sie an der Haller Straße 3 einen großen, beheizbaren Stall für 100 Pferde, vermutlich als Anbau ein bestehendes Gebäude. In diesem Stall, mehrfach umgebaut und verkleinert, tanzten später die Ellwanger im „Club“.

Die Zahl 100 Pferde erstaunt. Zu der Zeit wurden die Rösser nicht in Boxen gehalten, sondern angebunden. Viehtröge mit den Anbinderingen waren bis zum Abriss noch in dem Gebäude zu sehen. Das große Dachgeschoss bot genug Platz für Heu und Stroh.

Die Pferdehändler Neuburger waren hoch angesehen, kauften die Pferde vorwiegend aus Norddeutschland, Holland und Belgien und belieferten nicht in erster Linie Bauern, sondern Brauereien, Fuhrleute und Industriebetriebe wie Voith mit Zugtieren. Daneben handelten sie auch mit Rassepferden. Kunde waren unter anderem die Grafen Adelmann von Adelmannsfelden. Der „Kalte Markt“ war für die jüdischen Viehhändler wohl der wichtigste Tag im Jahr.

Hochzeit mit Therese Sternglanz

Als Leopold die Pferdehandlung vom Vater übernahm, vielleicht nachdem er 1908 geheiratet hatte, deutete sich bereits der Siegeszug des Automobils an. Seine Frau Therese Sternglanz (1881-1942), Tochter des Immobilienhändlers David Sternglanz (Nördlingen), war noch in Amerika, North Carolina, geboren, wo die Familie zeitweise gelebt hatte.

Die beiden hatten vor der Hochzeit bereits zwei Kinder, Hans Siegfried (geboren 1902) und Gertrud (geboren 1904). Gertrud war eines der ersten Mädchen am Ellwanger Gymnasium, blieb aber nicht bis zum Abitur. Als die Ehe der Eltern 1924 geschieden wurde, ging sie mit der Mutter nach Nördlingen und besuchte eine Privatschule.

Maile zeigt das Bild einer Ellwanger Tanzstunde um 1920. Darauf ist Gertrud Neuburger als junge Frau zu sehen.

Leopold Neuburger wurde am 14. August 1928 tot und beraubt aus einem Kanal in Gravenhage (Holland) geborgen. Ein Zeitungsbericht über dieses Verbrechen erschien in der überregionalen Presse.

Was ist aus der Familie Neuburger geworden? Gertrud erbt den Pferdehandel des Vaters und verkauft den Stall 1928 an den Wilder-Mann-Wirt Anton Hegele. Sie heiratet im Juni 1935 den Kaufmann Benno Ludwig Weill, das Paar emigriert im Herbst 1938 nach England.

Ihr Großonkel Jakob Neuburger stirbt am 9. September 1938 in Ellwangen. Dessen Bruder Samson lebt hier noch bis zum 22. April 1940 und kommt dann in die Pflegeanstalt Heggbach (bei Biberach) wo er am 16. August 1940 stirbt.

Gudruns Mutter, Therese Sternglanz (sie nimmt nach der Scheidung wieder den Mädchenname an), zieht nach München und lebt dort bis 1940. Dann kommt sie in ein Internierungslager. Am 13. Juli 1942 wird sie mit einem „Straftransport“ deportiert. Das Ziel: Warschauer Ghetto oder Auschwitz.

Und wieder verschwindet ein Stück jüdische Geschichte.“

Peter Maile, Heimatforscher

Jüdisches Leben an der Jagst

Jenseits der Jagstbrücke, in der Haller Straße 8 beim Bauunternehmen Borst soll in den 1920er Jahren ein jüdischer Landmaschinenhändler gewesen sein. Der Unternehmer hieß Stein (Vorname unbekannt) und reparierte Fuhrwerke. Unweit vom Eichamt und der Pferdehandlung Neuburger befand sich zwischen Jagst und Bahnhof der Stall der Viehhändler Siegmund und Julius Levi. Offensichtlich wurde der Fluss unterhalb der Jagstbrücke auch als Pferdeschwemme genutzt. Sie war dort zu der Zeit jedenfalls sehr breit. In der Reichspogromnacht 1938 trieben Nazis das Vieh der Levis in die Jagst. Kurz darauf wanderten die Familien Levi in die USA aus. gek

Postkarte mit dem Stall der Gebrüder Neuburger im Hintergrund, der später mehrfach verändert wurde.
Musste modernen Wohnungen weichen: das Gebäude mit dem ehemaligen Stall der Pferdehändler Gebrüder Neuburger, in dem einmal 100 Pferde Platz hatten.

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