Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Pandemie: Die Betten reichen nicht mehr aus

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Aus dem Gewinnsparen ist der Kleinbus finanziert, den die Ellwanger VR-Bank der Kinder- und Jugendpsychiatrie übergab. Das Bild zeigt (vorne v.r.) Bankvorstand Jürgen Hornung, Chefarzt Dr. med. Jens Retzlik, Pflegedienstleiterin Waltraud Heck und Berthol
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Die Ellwanger Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in der Pandemie noch mehr gefragt als ohnehin schon. Ein Kleinbus der VR-Bank soll dem Personal helfen.

Ellwangen. Die 23 Betten der Kinder- und Jugendpsychiatrie Ellwangen reichen nicht mehr aus. Das machte Chefarzt Dr. med. Jens Retzlik am Rande einer Spendenübergabe, die VR-Bank übergab der Einrichtung einen Kleinbus, deutlich. Die Coronapandemie habe die ohnehin seit Jahren angespannte Situation weiter verschärft: „Wir erleben schon seit Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. In der Pandemie sehen wir nun einen eindeutigen Corona-Effekt und wir wissen noch nicht, wie lange er andauert.“

Wie der Chefarzt weiter ausführt, seien während des Lockdowns und danach die Patientenzahlen angestiegen. Als die Schulen wieder öffneten, gab es zunächst eine gewisse Entspannung, eine pathologische Ruhe. Doch dann sei der Bedarf schnell weiter gewachsen.

Die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und Psychosomatik an der St. Anna-Virngrund-Klinik, die in Ellwangen sowie an den Standorten Aalen und Schwäbisch Gmünd Ambulanzen unterhält, beschäftigt rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Ostalbkreis und im Kreis Heidenheim ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie für Notfälle aufnahmeverpflichtet. „Im Zweifel müssen wir eben Patienten schneller entlassen als vorgesehen oder Aufnahmen für den therapeutischen Bedarf verschieben, um einen Notfall aufnehmen zu können“, erklärt Retzlik, wie die Einrichtung mit der Situation umgeht. Im Grund müsste die Zahl der Betten nahezu verdoppelt werden, das Angebot der Patientenplätze in Ellwangen liege deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Hinzu komme, dass die Region auch im niedergelassenen Bereich unterversorgt sei, was man an den langen Wartezeiten in den Facharztpraxen erkennen könne.

Retzlik erklärt den Anstieg der Fallzahlen während der Pandemie damit, dass die Belastung durch den Lockdown bei vielen Kindern und Jugendlichen ein vorher halbwegs stabiles System zerbrechen ließ. Sport und Aktivitäten mit Gleichaltrigen, Begegnungen in der Schule, Kontakte mit Personen außerhalb der Familie brachen plötzlich weg. Kommunikation über digitale Medien ist kein gleichwertiger Ersatz und kann das Gefühl der Isolation sogar noch verstärken. Einen deutlichen Anstieg verzeichnet der Mediziner bei Fällen von Essstörungen und Magersucht. „Die Krankheitsbilder verschieben sich durch Corona“, ist seine Beobachtung.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie versuche man, die Verfassung der jungen Patienten zu stabilisieren. Das geschehe auch, in dem man Lehrerinnen und Lehrer, Jugendhilfe und die Familie einbinde. „Wir versuchen wieder ein Netz zu knüpfen, das den jungen Menschen trägt und auf dem er sich dann weiter entwickeln kann.“

Der neue Kleinbus erlaube es nun, mit den jungen Patientinnen und Patienten auch kleinere Ausflüge zu unternehmen. Zudem werde das Fahrzeug zum Patiententransport zwischen den verschiedenen Standorten dienen, wenn dafür Bedarf ist.

Berthold Vaas, Standortleiter der St. Anna-Virngrundklinik, dankte dem Bankvorstand Jürgen Hornung für die großzügige Spende. Hornung freute sich, dass seine Bank nun schon das 18. Fahrzeug seit 2008 an soziale und kulturelle Einrichtungen weiterreichen konnte. Gerhard Königer

  • Die Klinikschule
  • Die Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet mit der Rupert Mayer-Schule der Marienpflege zusammen, die eine Klinik-Schule anbietet. Der Unterricht findet in Schulräumen innerhalb der Virngrund-Klinik, in einer gesonderten Abteilung auf dem Gelände der Marienpflege, in der Tagesklinik in Aalen sowie bei bei Anfragen zur Beratung in den entsprechenden öffentlichen und privaten Schulen statt.

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