Kurze Geschichte des Kalten Marktes

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Viehmarkt Anfang des 20. Jahrhunderts in der heutigen Spitalstraße: Die Zug- und Mastochsen aus Ellwangen waren gefragt in ganz Süddeutschland.
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Die Coronapandemie kann dem uralten Ellwanger Marktgeschehen nichts anhaben. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft schon eher.

Ellwangen

Der Kalte Markt ist aufgrund der Coronapandemie abgesagt. Das soll Anlass sein, einen Blick auf die Geschichte des Heimatfestes zu werfen. Zur Jahrtausendwende wurde "1000 Jahre Kalter Markt" gefeiert. Für die Zahl 1000 gibt es keinen urkundlichen Beleg, das Marktgeschehen dürfte eher noch älter sein.

Bereits kurz nach der Gründung des Benediktinerklosters 764 nach Christus brachten die Brüder Hariolf und Erlolf aus ihrer Heimat Langres in Burgund die Reliquien der Pferdeheiligen mit. Die kappadokischen Drillinge Speusippus, Meleusippus und Eleusippus werden bis heute beim Festgottesdienst zum Kalten Markt in der Basilika geehrt.

Manche Historiker gehen davon aus, dass die Überführung der Reliquien religiösen und politischen Hintergrund hatte: Sie sollten dem neuen Kloster Gläubige zuführen und die Pferdezucht beflügeln. Die fränkischen Herrscher brauchten Reittiere für ihre Heere. Der Namenstag der Heiligen wurde mit einem Markttag verknüpft und der "Kalte Markt" war geschaffen.

Auftrieb von 1000 Pferden und acht Tage Markt um 1840

Die Einnahmen aus diesem Markthandel, Zölle und andere Abgaben, waren für das Kloster und die Stadt durchaus von Bedeutung. Der Kalte Markt zog Menschen und Vieh in die Stadt. Von 1000 Pferden und acht Tagen Marktgeschehen spricht etwa die Hillersche Chronik um 1840.

Im 19. Jahrhundert wurde der Kalte Markt zu einem der wichtigsten Viehmärkte in ganz Süddeutschland. Gehandelt wurden nicht nur Pferde sondern auch Ochsen als Zug- und Schlachttiere. Über 3000 Tiere wurden in manchen Jahren in den Straßen der Innenstadt aufgetrieben. Später wurde der Obere Brühl und schließlich der Schießwasen als Marktgelände genutzt.

Aus der obligatorischen Vorführung des Auftriebs wurde schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Festzug durch die Stadt mit historischen Kostümen. Seit 1959 marschiert die Bürgergarde vorneweg.

Nach dem Krieg ersetzten die Traktoren die Pferde

Es ist jetzt da, die schöne Zeit, die uns Ellwangern s'Herz erfreut.

Aus dem Kalter Markt-Lied

In der Nachkriegszeit ging der Handel mit Pferden zurück, auf den Höfen wurden die Zugtiere durch Traktoren ersetzt. Jungkühe und Kälber, Ferkel und andere Nutztiere wurden weiter verkauft oder versteigert. Mit der Prämierung von Zuchtstuten und Gespannen gelang es jedoch, die Marktatmosphäre und das Pferd als Schwerpunkt des Kalten Marktes bis in die Gegenwart zu erhalten. Der tatsächliche Viehhandel endete mit der Kalbinnenversteigerung des Fleckviehzuchtverbands, die beim Kalten Markt 2008 letztmals stattfand.

Dass heute weder Ferkel noch Kälber, Hühner, Ziegen oder gar Ochsen beim Kalten Markt gehandelt werden, ist dem Strukturwandel in der Landwirtschaft geschuldet. Immer weniger und immer größere Betriebe arbeiten in geschlossenen Abläufen. Hygienevorschriften und Tierschutz stehen dem klassischen Viehhandel im Weg.

Seitdem 2000 erstmals Ausstellungshallen auf dem Schießwasen errichtet wurden, ist dafür die Messe "Handwerk und Wohnen" fester Bestandteil geworden. Zu Beginn des Jahres nutzen Händler und Gewerbetreibende die Gelegenheit, sich den Menschen zu präsentieren und Kundenkontakte zu knüpfen. Auch Landmaschinen und Agrartechnik wird noch gezeigt und weil die Bauernkundgebung in der Stadthalle mit hochkarätigen Rednern ein großes Publikum anzieht, ist der Kalte Markt bis heute landwirtschaftlich geprägt.

Ob dies auch in Zukunft so bleiben wird? Muss sich der Kalte Markt verändern, um Bestand zu haben? Immerhin geht die Zahl der Bauern und der Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, stetig zurück.

Noch immer identifizieren sich jedoch viele im ländlichen Raum mit der bäuerlichen Kultur, die diese Region geprägt hat. Heimatgeschichte und Tradition, Nostalgie und Leben mit der Natur sind Themen, die dem Kalten Markt die Existenz sichern werden.

Und die Pferdeprämierung, der Festzug durch die Stadt als Plattform für Pferd und Freizeitreiter, gibt Ellwangen das Alleinstellungsmerkmal als Pferdestadt. Sie wird weiterhin Besuchermaßen anziehen. Mit den ausgelobten Prämien kann die Stadt Anreize setzen, um die Pferdebesitzer mit ihren Tieren zu mobilisieren.

Zur Geschichte des Kalten Marktes erschien 1998 das Buch "Von Pferden, Preisen und Patronen" mit Text von Quintus Scheble und Bildern des Fotografen Rupert Leser. Das Buch ist vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Kalte Markt in der Gegenwart: Kein Viehhandel mehr, stattdessen Prämierung von Zuchtpferden und Gespannen. Archivfoto: gek

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