Leidvolle Schicksale: Bischof Fürst spricht mit Flüchtlingen in der LEA

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Der mit 73 Jahren vermutlich aktuell älteste Flüchtling aus der Ukraine im Gespräch mit Bischof Fürst

Der katholische Bischof Dr. Gebhard Fürst hat in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen am Samstag den Dialog mit Ukraine-Flüchtlingen und Helfern gefunden

Ellwangen

Täglich kommen neue Flüchtlinge aus der Ukraine in Ellwangen an. Die Landeserstaufnahmestelle (LEA) ist für sie erste Anlaufstelle nach einer tagelangen Odyssee quer durch Europa. Die Geflüchteten sind froh, wieder in Sicherheit zu sein. Ihre Dankbarkeit drücken die Menschen oft nur mit einem einzigen Wort aus: „Spasiba“ - Danke.

Die ukrainischen Flüchtlinge sprechen fast durchgehend Russisch. Leiter Berthold Weiß musste sich inzwischen auf eine komplett veränderte Situation in der LEA einstellen. „Das Leben hat sich vollständig verändert. Täglich kommen ukrainische Flüchtlinge an. Viele sind traumatisiert, was auch für unsere Psychologen eine komplett neue Situation ist“, sagt Weiß.

Bischof Gebhard Fürst hört dem LEA-Leiter aufmerksam zu. Der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart informiert sich in der LEA. Fürst hat eine besondere Nähe zu Ellwangen. 1977 wurde er hier zum Priester geweiht.

„Wie kann die Kirche helfen? Was wird dringend benötigt? Aber vor allem, wie geht es den Menschen? Das alles beschäftigt die Kirche und auch mich sehr“, sagt der Bischof. In Ellwangen möchte er vor allem eines: „Direkt mit den Flüchtlingen aus der Ukraine in Kontakt treten. Ihre Schicksale interessieren mich und sie können sich der Hilfe der Kirche sicher sein“, sagt Fürst.

Begleitet wird Fürst von Regierungspräsidentin Susanne Bay, Landrat Dr. Joachim Bläse, OB Michael Dambacher und Bürgermeister Volker Grab.

Odyssee einer Gruppe Blinder

Seinen ersten spontanen Kontakt findet der Bischof in einer Gruppe blinder ukrainischer Flüchtlinge. Die acht Erwachsenen und ihre vier Betreuer haben eine wochenlange Fahrt hinter sich. „Zuerst sind wir sieben Tage durch die Ukraine gefahren, bis wir die polnische Grenze überqueren konnten. Vier Tage verbrachten wir in Polen und wurden dann mit einem Bus nach Berlin gefahren. Von dort ging es weiter Richtung Ellwangen“, erzählt eine Betreuerin auf Russisch. Sie kommen aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Charkiw. Zu Verwandten und Freunden, die dortgeblieben sind, habe man keinen Kontakt, man mache sich große Sorgen um sie. Eine Dolmetscherin übersetzt.

Dass die LEA nicht der ideale Ort für blinde oder anders gehandicapte Menschen ist, weiß LEA-Leiter Weiß nur zu genau. „Diese Gruppe wird keine fünf oder sechs Wochen hier bleiben. Sobald Plätze in einer geeigneteren Unterkunft frei werden, wird diese Gruppe sofort verlegt. Zur Zeit sind alle geeigneten Einrichtungen voll“, bedauert Weiß.

Bischof Gebhard Fürst versucht, aufmunternde Worte für die Ukrainer zu finden, und sichert ihnen die volle Unterstützung der Kirche zu. Er bietet auch Blindenseelsorge an.

Zwischendurch zeigt Weiß seinem Gast einige Flüchtlingsunterkünfte, die in Vorbereitung sind. „Das alles braucht seine Zeit. Wir müssen aktuell eben schnell auf Massenankünfte reagieren können. Zur Zeit wohnen in der LEA 900 Flüchtlinge, davon kommen 560 aus der Ukraine. Im gesamten Ostalbkreis sind weitere 1045 ukrainische Flüchtlinge bei privaten Familien und anderen Einrichtungen untergebracht“, so Weiß.

Landrat Joachim Bläse bestätigt diese Zahlen. „Wir suchen fieberhaft weitere Unterbringungsmöglichkeiten. Ich möchte aber auch betonen, dass die Solidarität der Menschen auf der Ostalb unheimlich groß ist“, bedankt er sich.

Gespräch mit Altersgenossen

Der bislang älteste bekannte Flüchtling aus der Ukraine ist 73 Jahre alt. Bischof Fürst freut sich darüber, mit einem gleichaltrigen Menschen reden zu dürfen. Es entspinnt sich ein Gespräch über Gott und die Welt.

Das Schicksal einer fünfköpfigen Familie aus der Ukraine geht dem Bischof besonders ans Herz. Vater Juri Ochtienko, seine Frau Vera und ihre drei Kinder stammen aus einer kleinen Stadt nahe der selbst ernannten Republiken Luhansk und Donezk. „Am 24. Februar, dem Kriegsbeginn, feierte unsere Tochter Geburtstag. Aber statt zu feiern, haben uns Bomben und Raketen zur Flucht gezwungen. Wir alle können uns noch an die riesige Detonation erinnern, die uns Angst gemacht hat. Wir haben das Nötigste ins Auto gepackt, und sind losgefahren, an die polnische Grenze. Wir hatten keinen Plan, wohin wir sollten. In Polen stießen wir dann auf zwei deutschen Flüchtlingshelfer, die haben uns die Adresse der LEA in Ellwangen gegeben. Und nun sind wir hier, froh und dankbar, in Sicherheit zu sein“, erzählt Juri dem Bischof.

Kritik an Russlands Kirche

Jeder der ukrainischen Flüchtlinge hat seine eigene dramatische Fluchtgeschichte. Bischof Fürst ist nach dem Rundgang und den Gesprächen sichtlich berührt. „Das Gehörte und Erlebte wird Thema meiner Predigt auf dem Schönenberg sein. Ich werde deutlich machen, dass die Kirche diesen Krieg auf das Schärfste verurteilt. Ich werde auch deutliche, kritische Worte zur Haltung der russisch-orthodoxen Kirche finden, die bei uns auf komplettes Unverständnis trifft. Eine Kirche sollte sich als Friedensstifter verstehen, und nicht als Kriegsbefürworter“, sagt Bischof Gebhard Fürst zur Rolle der Kirchenoberen Russlands.

Eine Kirche sollte sich als Friedensstifter verstehen, und nicht als Kriegsbefürworter.“

Gebhard Fürst, Bischof, zu Russlands Kirchenoberen
Bischof Gebhard Fürst im Gespräch mit blinden ukrainischen Flüchtlingen und ihrer Betreuerin.
Eine Flüchtlingsunterkunft in Vorbereitung.

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