Mordprozess Rot am See: Der Gutachter empfiehlt Unterbringung in der Psychiatrie

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Dr. Peter Winckler, der psychiatrische Gutachter, erkennt beim Angeklagten Adrian S. eine wahnhafte Störung, die seine Schuldfähigkeit einschränkt. 

Ellwangen. Am fünften Tag der Hauptverhandlung im Mordprozess Rot am See stellt der psychiatrische Gutachter Dr. Peter Winckler aus Tübingen seine Einschätzung vor. Er hält den Angeklagten für eingeschränkt schuldfähig und empfiehlt die Einweisung in eine Psychiatrie.

Schon kurz nach der Tat sei er als Gutachter von der Polizei eingebunden worden, habe sich insgesamt 13 Stunden lang mit dem Angeklagten unterhalten. Zu sechs Gesprächsterminen kam er in die Justizvollzugsanstalt Stammheim, wo Adrian S. in U-Haft sitzt. Er lebt dort in einer kameraüberwachten Zelle, obwohl er laut Gutachter nicht akut suizidgefährdet sei. Der Angeklagte habe sich in den Gesprächen immer kooperativ gegeben, habe einen ruhigen Eindruck gemacht. Adrian S. sei in Erinnerung an die Tat von Schuldgefühlen erfüllt, insbesondere wegen der Menschen, die er nicht vorhatte zu töten. Bisweilen sei er von diesen Gefühlen überwältigt bis zur Panik, wie man das auch am Ende des dritten Verhandlungstages im Gerichtssaal erleben konnte.

In seinem Befund spricht Winckler von Wahnvorstellungen, die sich bei Adrian S. verfestigt hätten, jedoch ohne dass bei ihm formale Denkstörungen festzustellen seien, wie das beispielsweise typisch sei für Menschen mit einer schizophrenen Störung. Man könne mit Adrian S. normal diskutieren, sein Wahn, dass die Mutter ihn vergiften wolle, habe andere Lebensbereiche nicht erreicht.

Ich hatte selten einen Fall, der mir so viel Kopfzerbrechen bereitete wie Adrian S.

Dr. Peter Winckler psychiatrischer Gutachter

Daneben stellt Winckler auch Indizien für eine Kontakt- und Beziehungsstörung fest. Das ergebe sich beispielsweise aus der Zurückgezogenheit und daraus, dass der Angeklagte nie eine sexuelle Beziehung hatte. Auffallend sei auch, dass es trotz der sechs Besuche zu keiner Art von Vertrauensbasis mit dem Angeklagten kam. "Er blieb distanziert, starr, es gab keine Art von Interaktion." Adrian S. habe keine zweckgerichteten Aussagen gemacht: "Es ging ihm nie darum, Mitleid zu bekommen oder mein Gutachten zu beeinflussen."

Wincklers Doppeldiagnose: der Angeklagte leide an einer anhaltenden wahnhaften Störung verbunden mit einer Störung der Persönlichkeit. Die Schuldfähigkeit sieht der Gutachter klar beeinträchtigt: "Adrian S. leidet seit Jahren unter sich, seiner Krankheit, er ist beeinträchtigt in nahezu allen Lebensbereichen." Sein Wahn erlaube ihm kein normales Leben, keine Freundschaften, keinen normalen Austausch mit anderen.

"Ich hatte selten einen Fall, der mir so viel Kopfzerbrechen bereitete wie Adrian S.", bekannte der Psychiater, als er auf die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten während der Tat zu sprechen kam. Bei Adrian S. müsse man zwischen der exekutiven und der motivationalen Steuerungsfähigkeit unterscheiden. Er sei zwar in der Lage gewesen, die Tat zu planen, über Jahre hinweg, bis zum Kauf der Waffe und Überlegungen zu einem Plan B, nämlich die Mutter und Schwester zu betäuben, zu entführen, zu foltern und zu töten.

Aufgrund seiner Krankheit sei jedoch bei der Tötung von Mutter, Schwester und Vater die Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen. "Das war eine Symptomtat, er hatte den Plan kultiviert, ohne den Wahn wäre die Tat nicht vorstellbar gewesen", sagt der Psychiater.

Schwierig sei die Beurteilung jedoch, weil das Einsichtsvermögen von Adrian S. während der verhängnisvollen Augenblicke in Rot am See offensichtlich nicht völlig aufgehoben war. So schoss er auch auf den Bruder, der gar nicht Teil seines Wahns war, nach eigenen Angaben, weil er befürchtete, der könnte ihn aufhalten. Möglicherweise müsse man je nach Opfer von unterschiedlichen Tatmotiven ausgehen.

Dr. Winckler sprach sich für eine schnelle Einweisung des Angeklagten in die Psychiatrie aus, weil der dringend eine Behandlung brauche. Die Prognose sei für Adrian S. jedoch in jeglicher Hinsicht eher schlecht. Die wahnhafte Störung sei schwer zu behandeln, auch weil sie nicht so gut auf Medikamente anspreche wie beispielsweise Schizophrenie. Hinzu komme, dass auch die Kriminalprognose für Adrian S. eher negativ sei. Es komme nicht selten vor, dass der Wahn, wenn er wie in diesem Fall durch die Tötung der Mutter erfüllt wurde, nicht etwa verschwinde, sondern sich auf eine andere Person übertrage.

Mit großer Sicherheit könne er aber sagen, dass die beiden Neffen, die Adrian S. am 24. Januar verschonte, nicht in Gefahr seien, meinte Dr. Winckler.

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