Pflegende Angehörige: Gelegenheit zum Gespräch

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Angehörige daheim pflegen - das ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche. Symbolfoto: pixabay
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Unterschiedliche häusliche Situationen - und doch kämpfen die Menschen oft mit gleichen Problemen.

Ellwangen. 4,13 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. 3,31 Millionen von ihnen werden zu Hause versorgt - davon 2,33 Millionen Menschen überwiegend durch Angehörige. „Pflegende Angehörige sind eine feste Größe im System“, sagt Christine Class. Als freiberufliche Supervisorin betreut die Aalenerin seit Jahren offene Gruppen, in denen sich diese Angehörigen - meistens sind es Frauen - zum regelmäßigen Austausch treffen. Ein solcher Kreis kommt unter ihrer Leitung einmal im Monat in Ellwangen zusammen - und ist offen für neue Teilnehmer.

Die Gruppe: Mit derzeit knapp einem halben Dutzend Teilnehmern ist die Gruppe zurzeit klein. Die Treffen sind nicht für gemeinsame Aktivitäten gedacht, sondern dienen dem Austausch. Christine Class: „Es geht um Verständnis, Vertrauen, Ermutigung, Anregung, Anerkennung, um das Getragen-Sein in der Gruppe.“ Ihre eigene Rolle sieht sie in der psychosozialen Beratung.

Die Pflegesituation: Wichtig sei ihr, dass man in der Gruppe „nicht zu schnellen Rezepten kommt“, dazu habe häusliche Pflege viel zu viele unterschiedliche Gesichter. Die Pflege eines Schlaganfallpatienten mit körperlichem Handicap, aber wachem Geist, sei beispielsweise ganz anders als die eines Alzheimerkranken. Die eines MS-Patienten wiederum unterscheide sich erheblich von der Pflege eines von Geburt an behinderten Menschen. Class: „In der Gruppe wird ein individueller Umgang mit der Lebenslage des beeinträchtigten Menschen erarbeitet.“ Dreh- und Angelpunkt sei die Frage „Wie begegne ich dem Patienten wertschätzend“? Ein Beispiel: „Wie mache ich es möglich, dass der Kranke so viel wie möglich noch selbst tun kann?“ Das mache Pflege letztlich weniger konfliktbeladen und schone die Kräfte. Studien zeigen, dass sich Krankheitsverläufe dadurch verlangsamen können und die Situation weniger stressbeladen ist.

Selbstfürsorge: Thematisiert wird laut Class stets auch die Frage: „Was braucht der Pflegende seelisch, geistig und gesundheitlich, um diese Situation möglichst lange durchzustehen?“ Dabei geht es um Einschätzung der eigenen Kräfte, um Ermutigung, schlechtes Gewissen über Bord zu werfen und mal rauszugehen, um aufzutanken - ob beim Thermalbadbesuch oder beim Friseur. Und es geht um konkrete Gestaltung des Pflegealltags, zum Beispiel durch Möglichkeiten, den Patienten in Tages- oder Kurzzeitpflege zu geben.

Praktische Tipps: Pflegende Angehörige klagen oft, dass sie sich im Dschungel von Kranken- und Pflegekassen, Behörden, Sanitätshaus oder Pflegediensten verloren fühlen, wenn es darum geht, Pflegeleistungen und -hilfsmittel zu beantragen. Christine Class: „Manche wissen ganz viel und bringen ihre Erfahrung und ihr Wissen in die Gruppe ein, die Teilnehmer profitieren dann davon.“ Nicht zuletzt, so Class, habe eine solche Gruppe Außenwirkung. Denn es sei dringend notwendig, pflegenden Angehörigen eine Lobby, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Auch wenn Verschwiegenheitspflicht in der Gruppe oberstes Gebot ist. Bea Wiese

  • Kontakt: Die Gruppe trifft sich einmal im Monat, dienstags von 14.30 bis 16.30 Uhr, im Jeningenheim, 2. Stock, Philipp-Jeningen-Platz 2. Nächster Termin ist am Dienstag, 7. September. Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung nicht erforderlich. Info: Christine Class, Tel. 07361) 32183, E-Mail: info@christine-class.de
  • Träger ist die katholische Sozialstation St. Martin. Es gibt Pläne, das Angebot zu erweitern, sobald es Corona zulässt: Teilnehmern soll dann die Möglichkeit geboten werden, demente Angehörige mitzubringen und während des Gesprächskreises zwei Stunden vor Ort betreuen zu lassen.
Christine Class

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