Schüsse in den Rücken sprechen gegen Notwehr

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Tag drei im "Rockerprozess": Gerichtsmediziner, Kriminaltechniker und der Bruder des Getöteten sagen aus.

Ellwangen

Baris B., der Bruder des getöteten Rockers und "Sergeant" der United Tribuns, trat am Montag in den Zeugenstand. Er hat am 7. April bei der Schießerei vor dem "Männer Style" in Heidenheim selbst eine Kugel in den Bauch bekommen. Die Ärzte mussten ihm ein großes Stück Darm entfernen. Monate lag er krank im Bett. Jetzt geht es wieder, er hat aber noch psychische Probleme.

Seine Aussage ist besonders wertvoll, entsprechend umfassend war die Zeugenbelehrung durch den Vorsitzenden Richter Gerhard Ilg.

"Als ich aus dem Koma erwachte, wollte ich Rache", sagt der Zeuge. Zwischenzeitlich hat er sich anders entschieden, beantwortet die Fragen des Gerichts ausführlich. Den Täter Rüstem Z., der seitlich auf der Anklagebank sitzt, schaut er dabei nicht an.

An jenem Donnerstag wollte sein Bruder Cellal B., "Vicepresident" der Tribuns, die schwelende Auseinandersetzung mit den "Black Jackets", insbesondere die Beschädigungen und Brandstiftungen an den Autos, klären.

Cellal hatte beobachtet, wie der "Jackets"-Vicepresident, Rüstem Z. mit zwei anderen, zum Friseur geht, und schnell den Bruder abgeholt. "Als ich in den Salon komme, zücken die zwei Jackets ihre Messer. Ich sage, wir gehen raus und klären das Mann gegen Mann".

Ganz unbewaffnet waren die Tribuns auch nicht. Bei Cellal hat man später einen Totschläger gefunden, Barish hatte einen Hammer in der Gesäßtasche. Weil er am Vormittag am Auto geschraubt habe, erklärt er vor Gericht.

Die Kontrahenten seien sich auf der Straße gegenübergestanden, Cellal habe seine Bauchtasche dem Bruder gegeben. Da sei Rüstem Z. einen Schritt zurückgegangen und habe aus dem Hosenbund die Pistole gezogen. Der zweite der Jackets, Zia Y., habe gesagt: "Das ist eine Scharfe, Jungs!"

"Ich sage noch, steck den Scheiß wieder ein", da habe ihn der erste Schuss getroffen und er sei zu Boden gestürzt. Dann wird zweimal auf seinen Bruder gefeuert, und als noch ein dritter Schuss fällt, glaubt Barish: "Jetzt hat er Cellal in den Kopf geschossen."

Als ich aus dem Koma erwachte, wollte ich Rache.

Baris B. Zeuge und Nebenkläger

Erst später, da sind schon die Sanitäter bei ihm, hört er seinen Bruder neben ihm husten. "Da wusste ich, er lebt noch."

Cellal B. starb zwei Tage später im Krankenhaus, aufgrund des hohen Blutverlusts war sein Gehirn schon geschädigt.

Die Verteidigerin des Todesschützen, Anke Stiefel-Bechdolf, hält dem Zeugen scheinbar widersprüchliche Aussagen in den Polizeiprotokollen vor. Will wissen, warum die Tribuns zu viert, also in Überzahl, zum Friseursalon kamen, wo doch ein Kampf Mann gegen Mann stattfinden sollte.

Am Vormittag hatte der Münchner Rechtsmediziner Prof. Oliver Peschel das Ergebnis der Obduktion erläutert. Der Körper von Cellal B. hatte vier Eintrittstellen von Projektilen, eine Kugel hat vermutlich erst den Unterarm durchschlagen und drang dann in den Bauchraum ein. Zwei weitere Kugeln trafen das Opfer von hinten.

Dies bestätigt eine Kriminaltechnikerin des Landeskriminalamtes, die das T-Shirt des Toten auf Schmauchspuren untersucht hat. Demnach seien die Schüsse aus kurzer Distanz, maximal 1 Meter 30 abgefeuert worden.

Vergleichende Tests konnten allerdings nicht gemacht werden. Die Tatwaffe hat man nämlich trotz aufwändiger Suche nie gefunden. Dass Zia Y., der mit dem Angeklagten geflohen ist, die Pistole an sich genommen hat, lässt sich nicht belegen. Seine Kleidung wurde gründlich auf Schmauchpartikel untersucht, ohne positives Ergebnis.

Rüstem Z. hat gleich zu Prozessbeginn ausgesagt, er habe die Pistole während der Flucht aus dem Auto geworfen. Ob die Waffe noch irgendwo im Gebüsch liegt oder wieder nachgeladen im Handschuhfach eines "Members", weiß niemand.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 30. November fortgesetzt.

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