Senioren betrogen: Bewährungsstrafe für falsche Polizisten

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Wie zwei junge Männer als Teil einer Bande versuchten Senioren in Süddeutschland um ihre Ersparnisse zu bringen und warum dies nur die Spitze des Eisberges ist.

Ellwangen

Am Ellwanger Amtsgericht wurde groß aufgefahren: Ein halbes Dutzend Justizbeamte, darunter auch Spezialkräfte, sicherten den Sitzungssaal.

Der Grund: Auf der Anklagebank saßen der 19-jährige Bilal M. und der 26-jährige Syrer Moaiad A., zwei Personen, die der Bandenkriminalität zuzuordnen sind und deren näheres Umfeld in Norddeutschland polizeibekannt ist.

Die beiden in Kiel und Hamburg lebenden Männer wurden zusammen mit einem Dritten, der bereits im Juli als Mitläufer verurteilt worden war, im März bei einer Geldübergabe festgenommen, als sie versuchten, einem Senior in Wallhausen bei Crailsheim mit dem "Falsche-Polizisten-Trick" 42 500 Euro abzunehmen. Glücklicherweise fiel der Senior nicht auf die Masche der "Verdeckten Ermittler" herein, die sein Geld nach der Nennung eines zuvor telefonisch vereinbarten Passworts "in Sicherheit" bringen wollten und er verständigte die echten Beamten in Crailsheim. Bei der Festnahme stellte die Polizei im Wagen der Angeklagten zudem 9300 Euro sicher, die die beiden Tags zuvor in München einem Senior abgenommen hatten.

Zwei weitere Fälle in Süddeutschland, in denen Senioren um 38 000 Euro und 117 000 Euro betrogen wurden, wurden den beiden Angeklagten ebenfalls zur Last gelegt.

Die Angeklagten gestanden vollumfänglich die beiden Fälle aus München und Wallhausen. Bilal M. bot den Geschädigten zudem jeweils 2500 Euro Schmerzensgeld an. Die beiden anderen Fälle bestritten sie, auch konnte ihnen anhand der Bewegungsdaten der Mobiltelefone kein Aufenthalt im Süden im Zeitraum nachgewiesen werden.

Organisierte Kriminalität

Das, was Sie da gemacht haben, war eine Riesensauerei.

Maximilian Adis Richter

Besonders pikant sind die Hintergründe der beiden Angeklagten. Bilal M. schaffte kürzlich mit Mühe den Hauptschulabschluss. Der Deutsche mit türkisch-libanesischem Hintergrund ist jedoch Inhaber eines Autohauses, in Kiel und verfügt über ein Einkommen von 3800 Euro netto. Verkauft hat er kein einziges Auto, auf seinen Namen sind aber zahlreiche kostspielige Luxusfahrzeuge zugelassen.

"Als Strohmann", wie sein Verteidiger dann auch unumwunden zugab. Insgesamt 72 Telefonate führte der Angeklagte im März dieses Jahr mit den Hintermännern, die den Polizisten-Trick von der Türkei aus steuern, einer davon ein Großcousin des Vaters. Der Vater sitzt derzeit in Kiel in Haft, nach Schüssen auf den Onkel von Bilal M.

Staatsanwalt Peter Laiolo forderte zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs, versuchten Betrugs und der herausgehobenen Stellung des Angeklagten in den kriminellen Strukturen. "Er war der Kontaktmann zu den Hintermännern in der Türkei."´Der zweite Angeklagte, Moaiad A., flüchtete 2015 aus Syrien nach Deutschland. Er tauchte 2018 in Hamburg unter, verfügt nur über einen Militärausweis der syrischen Armee. Seit 2018 lebt der gelernte Koch illegal auf der Straße, wie er über seinen Dolmetscher mitteilen ließ. A. selbst spricht kein Deutsch. Bilal M. habe er in Hamburg kennengelernt, dieser habe ihm "viel geholfen", so sein Dolmetscher.

In seinem Fall forderte die Staatsanwaltschaft zwei Jahre und vier Monate Haft.

Die Verteidigung verwies auf die umfänglichen Geständnisse und Kooperation der Angeklagten. Beide seien Ersttäter. Besonders im Fall Bilal M. sei das Jugendstrafrecht anzuwenden, und die positive Führung während der fünf Monate dauernden Untersuchungshaft anzuerkennen. "Bilal M. ist jung. Er hat verstanden und wird sich künftig von diesen Leuten fernhalten", so die Verteidigung.

Richter Adis sprach sich letztlich in beiden Fällen für zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung aus – bei M. nach Jugendstrafrecht und ausgesetzt auf drei Jahre, zudem 200 Stunden Sozialarbeit. A. erhielt zusätzlich 150 Stunden Sozialarbeit und die Auflage, sich um einen Aufenthaltstitel zu bemühen.

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