Syrische Spezialitäten mit Geschichte

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Mohammad Alsaltti bietet in seinem Imbisswagen am Edeka Schnell selbst gemachte Falafel und Döner an.
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Mohammad Alsaltti ist vor dem Bürgerkrieg geflohen und will sich mit echter arabischer Küche in Ellwangen eine eigene Existenz aufbauen.

Ellwangen

Seit zwei Wochen steht vor dem Edekamarkt Schnell in der Konrad Adenauer Straße ein kleiner Imbisswagen. Mohammad Alsaltti bietet dort Kebab, Burger und selbstgemachte Falafel an.

Geboren ist Mohammad in der Stadt Dar'a, im Süden Syriens, fünf Kilometer vor der Grenze zu Jordanien. Die Stadt, die vor dem Krieg noch fast 100 000 Einwohner hatte, war einer der ersten Orte, an denen der Protest gegen Assad öffentlich wurde. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Im Februar 2011 wurden in Dar'a einige 12-, 13-jährige Jungen verhaftet und gefoltert, weil sie angeblich regierungskritische Sprüche an die Wand ihrer Schule gesprüht hatten. "Doktor, du bist dran" war ein solcher Spruch, mit Doktor war Assad gemeint, der Medizin studiert hat. Der arabische Frühling hatte bereits die ersten Despoten aus dem Amt gejagt, in Syrien war noch alles ruhig. Doch dann gingen die Menschen auf die Straße, darunter die Eltern der verhafteten Kinder. Mohammad kannte die verhafteten Graffitisprayer.

Demonstrationen wurden gewaltsam unterdrückt, bei Einsätzen der Regierungstruppen gab es immer mehr Tote, es bildete sich bewaffneter Widerstand. Rebellen übernahmen die Stadt. Der Vater schickte die Mutter mit den Kindern über die Grenze nach Jordanien, damals war Mohammad 13 Jahre alt. Im Flüchtlingslager gab es keine richtige Schule, die Kinder mussten durch Hilfsjobs zum Lebensunterhalt beitragen. Mohammad lernte damals, wie in einem Imbisslokal gekocht wird.

Im Herbst 2015 steht die Tür nach Europa offen

Dann kam der Herbst 2015. Die ganze Welt sah die Bilder von den syrischen Flüchtlingen, die zu Fuß durch die Türkei und den Balkan nach Mitteleuropa gingen und in Deutschland sogar von der Kanzlerin willkommen geheißen wurden. Die Tür nach Westeuropa stand plötzlich ganz weit offen. Mohammad ging zu seinem Vater nach Dar'a und fragte ihn um Rat. "Er sagte ‘Hier ist es zu gefährlich. Geh nach Deutschland.' Und dann bin ich los", erzählt Mohammad, wie er damals aufbrach. Ohne Begleitung, kurz vor dem 17. Geburtstag. Allein war er nicht, viele waren unterwegs, auf der Flucht vor den Bombardements, den Ruinen, der Perspektivlosigkeit. Es sei nicht schwer gewesen, einen Platz auf einem Boot zu bekommen, von der Türkei nach Lesbos überzusetzen. Und weiter nach Serbien, Österreich, Deutschland. "Überall waren Leute, die wussten, wie es weiter geht."

Mohammad kam am 3. November 2015 in der Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen an. Weil er alleinreisend und minderjährig war, keine Verwandten in Deutschland hatte, blieb er nicht in der bereits völlig überfüllten LEA, sondern kam in Obhut der Marienpflege.

Und dann bin ich los.

Mohammad Alsaltti floh 2015 aus Syrien

Dort blieb der junge Flüchtling aus Dar'a dreieinhalb Jahre, zunächst im Kinder- und Jugenddorf in der Stadt, schließlich in der Wohngemeinschaft in der Bergstraße 11. Mohammad lernte Deutsch und machte den Hauptschulabschluss im Berufsschulzentrum. Danach begann er eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker. Die hat er nach dem ersten Jahr abgebrochen. "Das war nichts für mich", sagt er nur. "Ich will mehr mit Menschen zu tun haben. Und ich will kochen. Das habe ich schon in Syrien und Jordanien gern gemacht."

Mohammad arbeitete bei verschiedenen Döner-Restaurants in und um Ellwangen. "Da habe ich viel gelernt. Aber ich wusste auch: Falafel kann ich besser", sagt er. Und so wuchs der Entschluss, den eigenen Imbiss zu eröffnen. Mit viel Ehrgeiz und der Hilfe von Freunden ist ihm das nun gelungen. Anja Schnell, die Inhaberin des Edeka-Marktes, war sofort aufgeschlossen und hat den jungen Syrer nach Kräften unterstützt.

Die Geschäfte in den ersten Wochen liefen ordentlich: "In der ersten Woche war der Döner mehr gefragt. Jetzt mache ich mehr Falafel." Mohammad achtet bei seinen Zutaten auf biologische Herkunft und setzt auf klassische syrisch-arabische Küche. Die Joghurtsoße und den Hummus, eine Spezialität aus pürierten Bohnen und Sesampaste, macht er selbst, so wie es die Mutter in Syrien kocht. Er will sein Angebot nach und nach weiter ausbauen, Menüs mit Huhn, Gemüse und Bulgur zum Mitnehmen. Und wenn Corona einmal Geschichte ist, vielleicht auch zum hier essen.

Unterstützung für die Eltern und die Geschwister in Syrien

Dass er jetzt sein eigenes Unternehmen gegründet hat, mitten in der Coronakrise, macht ihn stolz und dass er dafür sechs Tage die Woche arbeiten muss, mit Mund-Nasen-Schutz im engen Wagen stehen, das macht ihm nichts aus. Wenn er für die Fotos die Maske abnimmt, sieht man sein strahlendes Lächeln. Seine Eltern und seine drei Geschwister leben noch in Syrien und Jordanien. Er unterstützt sie mit dem Geld, das er hier verdient. Natürlich würden sie auch gern nach Deutschland kommen, aber derzeit sei das nicht möglich. Die Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern sind aussichtsloser als die Lage in Jordanien. "Ich habe Glück gehabt", sagt Mohammad. Wie er hierherkam, wie er aufgenommen wurde, wie er Freunde gefunden hat, dass er eine Bleibeperspektive hat, das macht ihn froh.

Er hat viele Bekannte, auch im Ausland. Er war bereits in der Schweiz, in Frankreich und in Italien in Urlaub. Doch hier in Ellwangen gefällt es ihm besser: "Es ist eine kleine Stadt und eine große", sagt er.

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