Tätlicher Angriff auf Sanitäter

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Anfeindungen und Angriffe auf Rettungskräfte nehmen zu, dabei stehen Rettungskräfte unter besonderem Schutz. Vor dem Ellwanger Amtsgericht ging es nun um einen Fall. Symbolbild: pixabay
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Für ein Delikt aus 2019 erhält eine 20-Jährige nun zwar Haftverlängerung, bekommt aber dadurch gleichzeitig eine neue Lebensperspektive.

Ellwangen/ Crailsheim

Vieles aus jener Nacht im August 2019 in der Crailsheimer Innenstadt liegt im Dunkeln und wird sich auch nicht mehr eindeutig klären lassen. Klar ist: Was als "Sauftour" unter Jugendlichen begann, endete mit dem Einsatz von Rettungskräften und eskalierte zum Polizeieinsatz.

Drei junge Mädchen zwischen damals 16 und 18 Jahren, der Polizei nicht unbekannt, begannen sich wegen eines Geburtstags vormittags oder nachmittags wie üblich zu betrinken, so genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren.

Auch wie viel Alkohol im Spiel war, ist nicht klar, aber "mindestens zwei Flaschen Wodka", so die Angeklagte. Eine Zeugin will sich noch an etliche Bier zusätzlich erinnern.

Auf einmal fehlt die 16-Jährige, warum, weiß keine mehr. Die heute 20-jährige Angeklagte erhält etwas später einen Anruf, macht sich gegen 22.30 Uhr mit dem dritten Mädchen auf zur Sparkasse, wo die stark alkoholisierte 16-Jährige inzwischen bereits von zwei Rettungssanitätern betreut wird, nachdem ein Passant dort ein lebloses Mädchen gemeldet hatte.

Die inzwischen ebenfalls stark alkoholisierte Angeklagte Michelle N. soll unvermittelt und aggressiv auf die Sanitäter losgegangen sein, einem einen Faustschlag versetzt und diese beleidigt haben.

"Ich wollte ihr helfen. Die hatten kein Recht, sie festzuhalten", schildert N. resolut ihre Motivation. "Wir waren alle betrunken wie immer." Sie habe den Sanitäter nur am Arm gezogen und nicht geschlagen, und beleidigt habe sie auch niemand. Das sei die Freundin gewesen, so N. Die damals 16-Jährige, die den Einsatz auslöste, kann sich an nichts mehr erinnern, erst wieder an die Anrufe an N. und an ihren Vater, die sie tätigte, als die Sanitäter bei ihr waren und sie davor schützten, auf die Straße zu laufen. N. habe jedenfalls niemand beleidigt, da sei sie sich sicher, das sei alleine sie selbst gewesen, was sie in ihrem eigenen Verfahren bereits zugegeben habe. N. habe aber den Sanitäter mit der flachen Hand gestoßen, bestätigte sie.

Die Sanitäter hatten bei Eintreffen der beiden Mädchen Polizei angefordert, weil die Lage vor Ort zu eskalieren drohte. Auch die eintreffende Polizei sei von N. beleidigt worden. Der Vater sei dann hinzugekommen und habe die 16-jährige Tochter nach Hause gebracht.

Wir waren alle betrunken wie immer.

Michelle N. Angeklagte

Lange unrühmliche "Karriere"

Michelle N. blickte zu dem Zeitpunkt bereits auf eine lange "Karriere" zurück. Mit 12 begann sie zu trinken und zu rauchen, mit 14 Cannabis zu konsumieren. Die Polizei in Crailsheim führte sie als bekannte minderjährige Intensivtäterin.

Mehrere Delikte wegen Beleidigung, Körperverletzung und BTM sind registriert, die Schule hatte sie regelmäßig geschwänzt. Das Jugendamt Schwäbisch Hall versuchte verschiedene Maßnahmen, die alle am "schwierigen und aggressiven Charakter" von N. sowie Verweigerung und Boykott scheiterten. Sie sei nicht Willens, Regeln zu befolgen.

Nach einem weiteren tätlichen Angriff mit schwerer Körperverletzung im Jahr 2019 wurden schließlich 2 Jahre und 4 Monate Haft in der JVA Schwäbisch Gmünd angeordnet. Kurz vor Antritt geschah dann noch der Angriff auf den Sanitäter.

Aufgrund des aggressiven und dominanten Verhaltens von N., die sich in der JVA als "Rädelsführerin" hervortat, wurde die Unterbringung bei den Erwachsenen angeordnet. Erst damit und der Tätigkeit in der Wäscherei begann sich ihr Verhalten zu bessern. Michelle N. werde diesen Sommer die Realschule abschließen und anschließend eine Ausbildung anstreben, so die Verteidigung. Dafür habe sie Freigang erhalten und führe sich gut. Zudem habe sie einen Platz in einer betreuten Wohngruppe in Aussicht, sofern dieses nun noch anhängende Verfahren abgeschlossen sei.

Richter Maximilian Adis anerkannte die Perspektive und den persönlichen Werdegang sowie die schwierigen familiären Verhältnisse der Angeklagten. Der Vorwurf der Beleidigung ließ sich nicht halten, da nicht eindeutig festzustellen sei, von wem die Beleidigungen ausgegangen waren. Auch die versuchte Körperverletzung seitens der Angeklagten lasse sich nicht halten. Es sei nicht das Ziel der Angeklagten gewesen, die Sanitäter zu verletzen. So erkannte er im Urteil auf tätlichen Angriff auf Rettungskräfte und damit 4 Monate Haft zusätzlich zu den bereits ausgesprochenen 2 Jahren und 4 Monaten. Adis blieb damit einen Monat unter der Forderung der Staatsanwaltschaft.

"Lernen Sie, ihre Stärken im positiven Sinne einzusetzen", gab ihr Richter Adis mit auf den Weg. "Und lassen Sie die Finger vom Alkohol. Sonst führt sie bei ihrem Aggressionspotenzial der Weg unweigerlich wieder zurück in die JVA", sagte der Richter weiter.

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