Tatort Rot am See: Der blanke Horror in Bild und Ton

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Der Saal des Schwurgerichts am ersten Tag der Hauptverhandlung: Am Mittwoch brach Adrian S, dem vorgeworfen wird sechs Personen getötet, zwei schwer verletzt zu haben, zusammen. Die Sitzung wurde abgebrochen, Besucher mussten den Saal verlassen.
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Nachdem Polizisten den Notruf geschildert, Videos vom Tatort und von der ersten Vernehmung gezeigt haben, bricht der Angeklagte Adrian S. im Gerichtssaal zusammen.

Ellwangen

Der Polizist in Ausbildung, der diesen Notruf entgegennehmen musste, war nicht zu beneiden: Adrian S. wählte am 24. Januar um 12.49 Uhr die 110, nachdem er soeben seine Familie ausgelöscht hatte. Das Telefonat, das mit kurzer Unterbrechung fast 20 Minuten dauert, lässt der leitende Richter der Schwurgerichtskammer, Gerhard Ilg, am dritten Tage der Hauptverhandlung im Gerichtssaal abspielen.

Es ist ein außerordentliches Tondokument. Aus dem Lautsprecher ertönt die Stimme eines schwer atmenden Mannes, der sagt: "Ich habe blutrünstige Monster erschossen, in der Bahnhofstraße 10". Der Polizist reagiert gut, er nimmt den Anrufer ernst und versucht, das Telefonat in die Länge zu ziehen. "Wen haben sie erschossen?" "Meine Familie." "Wie viele Personen?" "Fünf oder sechs." "Ist ihr Vater tot?" "Ja klar." "Und ihre Mutter?" "Kopfschuss".

Nicht jedes Wort ist zu verstehen, der Anrufer atmet schwer, stöhnt, als habe er eine zentnerschwere Last getragen. Der Polizist fragt nach den Namen der Opfer, will wissen, wo sich Adrian S. befindet, wo die Waffe ist. Er lotst den Täter aus dem Raum, bereitet ihn auf die Ankunft der Einsatzkräfte vor, die der Anrufer kaum erwarten kann: "Wo bleiben die denn?" Er müsse hinknien, Hände hochnehmen und warten, bis die Polizisten kommen. Dann hört man Stimmen, die Aufnahme endet.

Wie es dann weiterging, zeigt das Video der Body-Cam, die einer der Polizisten trug. Man sieht Adrian S. auf dem Boden knien, er lässt sich Handschellen anlegen. Man sieht, wie die Beamten durch das Haus gehen, Zimmer für Zimmer sichern, man sieht viel Blut und man sieht die Leichen. "Im zweiten Obergeschoss roch man noch den Pulverdampf", sagt ein Polizeibeamter aus.

Der Angeklagte sitzt währenddessen auf seinem Stuhl und blickt nur noch vor sich auf den Tisch. Warum will er die Bilder nicht sehen? Gleich zu Beginn des Verhandlungstages hatte sein Anwalt Andreas Kugel erklärt, dass Adrian S. auf eventuelle Erbteile zugunsten der überlebenden Familienmitglieder verzichte.

Wollte der Angeklagte damit Betroffenheit ausdrücken, Reue zeigen? Wie auch immer, bei den Vertretern der fünf Nebenkläger kommt das nicht gut an. "Dass sich Adrian S. für erbwürdig hält, finden wir unerträglich", sagt die Anwältin Christina Glück, Vertreterin der beiden Neffen, die der Angeklagte zu Halbwaisen gemacht hat.

Was geht in Adrian S. vor? Er hat jetzt begonnen, leise zu schluchzen. Was bedeutet diese Gefühlsregung? Ist es möglich, dass ihm jetzt ganz allmählich klar wird, was er getan hat?

Beweisantrag des Verteidigers: Ärzte sollen aussagen

Eine Stunde zuvor noch der Beweisantrag seines Anwalts: Ärzte aus dem Ortenauklinikum Lahr/Ettenheim sollen als Zeugen aussagen und beweisen, dass Adrian S. tatsächlich vergiftet wurde. Dort war der Angeklagte 2012 als Notfall eingeliefert worden. Die Ärzte hätten damals in seinem Blut Ethinylestradiol gefunden, ein synthetisches Sexualhormon. Für Adrian S. der Beweis, dass seine Mutter ihn vergiften wollte.

In der Krankenakte von damals finden sich keine Belege dafür. Die seien auch auf Betreiben der Mutter gefälscht worden, sagt der Angeklagte. Und die Ärzte könnten das bezeugen.

Der Richter lässt den Beweisantrag zu, die Ärzte sollen am 8./9. Juli kommen.

Staatsanwalt Carsten Horn will wissen, woher die Munition stammt, die man im Zimmer des Angeklagten gefunden hat, immerhin 300 Schuss. "Zusammen mit der Pistole bei Frankonia in Nürnberg gekauft", ist die Antwort. Adrian S. wirkt wie schon an den vorherigen Prozesstagen ausgesprochen kooperativ, beantwortet jede Frage.

Er kaufte Hohlspitzgeschosse, weil die eine größere "Mann-Stop-Wirkung" haben. Die auch "Dumdum" genannte Munition wölbt sich beim Auftreffen und reißt viel schlimmere Wunden als andere Patronen.

Die Verhandlung wird abgebrochen.

Gerhard Ilg Richter des Schwurgerichts

Es ist ungewöhnlich, dass ein Angeklagter während der Beweisaufnahme so zugänglich ist. Gerhard Ilg nutzt die Gelegenheit, will von Adrian S. wissen, ob er eigentlich Drogen oder Medikamente nahm. "Keine Drogen, nicht geraucht", ist die Antwort. Er hatte Schmerzmittel zuhause. Nach der urologischen Operation am 19. Dezember habe er Schmerzen gehabt, "... eigentlich bis zur Tat".

Wie er mit den Schützen gesellig sein konnte, wo er sich doch seit über einem Jahr zuhause quasi isoliert hatte, fragt Ilg weiter. "Weil das der Norm entsprach. Ich wollte die Waffe um Mutter, Schwester und Vater zu töten", sagt Adrian S.. Und der Tod er drei anderen? "Ich hatte nie vor, die zu töten." Vielleicht hätte er in dieser Verfassung sogar die beiden minderjährigen Neffen erschossen, sagt er. Doch als die Mutter tot war, war alles vorbei.

Warum ist der Angeklagte so offen, belastet sich selbst? Was ist mit Adrian S. los?

Am Nachmittag wird das Video von der Vernehmung unmittelbar nach der Tat gezeigt. Es wurde im Verhörraum der Polizei in Schwäbisch Hall aufgenommen und auch wer 10 000 Folgen Polizeiruf, Tatort und Kommissar gesehen hat: ein solches Verhör bestimmt nicht.

Ein durch und durch seltsames Verhör

Adrian S. sitzt an einem Tisch, die Hände in Handschellen. Er atmet noch immer hörbar, wenn auch nicht mehr so laut, wie auf dem Mitschnitt des Notrufs. Er sieht anders aus, hat kürzere Haare. Sein enges T-Shirt zeigt einen muskulösen Körperbau, während er heute mager, fast schon dürr wirkt. Der Beamte, der ihm die Fragen stellt, kann den Redebedarf des Mannes, der gerade sechs Personen erschossen hat, kaum bremsen. Mehrmals wollen die Polizisten das Verhör beenden, doch der Verdächtige ist nicht zu stoppen. Adrian S. überlegt nicht, was er sagt, er blickt auch nicht zu seinem Anwalt. Es bricht aus ihm heraus, alles, was er auch zu Prozessbeginn über Vergiftung, Missbrauch, Hass gesagt hat.

Es gibt eine Schlüsselszene, da erzählt er von der Mutter, die ihn wegen der Weichmacher geraten habe, nicht aus Plastikflaschen zu trinken: "Sie hat mir beigebracht, dass meine Männlichkeit das Wertvollste, aber auch das Zerbrechlichste ist. Und das während sie mich vergiftet hat."

Abschriften werden vorgetragen, von Telefonaten, die Adrian S. heimlich mitgeschnitten hat, indem er die FritzBox des Vaters manipulierte. Einmal sagt die Mutter zu Klaus S., dem Vater, "Addi (Adrian S.) soll seine Globuli nehmen".

Es gibt keinen Tatbezug in den Telefonaten, es ist keine Rede von Gift, nie, versichert der Kommissar im Zeugenstand.

Adrian S. weint jetzt dauerhaft vor sich hin. Die Verhandlung wird unterbrochen, um zu lüften. Das Gericht zieht sich zurück. Der Angeklagte sitzt an seinem Platz und schluchzt und schluchzt und schluchzt.

War alles am Ende nur ein Missverständnis?

Als das Gericht zurückkommt, steht er nicht auf. Gerhard Ilg spricht ihn an, bittet ihn, sich die Nase zu putzen, weil Rotz herabtropft. Doch Adrian S. weint immer weiter. Zwei Männer von der Wachtmeisterei reichen ihm etwas zu trinken, wollen ihm die Nase putzen. Er reagiert nicht darauf. Der Richter stellt für das Protokoll fest: "Der Angeklagte ist nicht mehr ansprechbar, er reagiert nicht mehr, er hyperventiliert. Die Verhandlung wird abgebrochen." Ilg macht darauf aufmerksam, dass man möglicherweise den Notarzt brauche. Die Mitarbeiter der Wachtmeisterei legen Adrian S. auf den Boden. Dann werden die Besucher und die Presse aus dem Saal geschickt.

Die Verhandlung wird am 8. Juli um 9 Uhr fortgesetzt.

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