Tragischer Unfall durch jungen Fahrer: Zwei Jahre Bewährung wegen "fahrlässiger Tötung"

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Bopfingen: Zwei Autowracks auf der Bundesstraße 29 zwischen Flochberg und Trochtelfingen. Zuvor waren die beiden PKWs frontal zusammengestoßen. Feuerwehrleute mussten die beiden Fahrer aus ihren demolierten Unfallautos befreien. Eine Person erlag noch an
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Weil er zu schnell unterwegs war, verursachte ein junger Autofahrer im Januar 2021 einen Unfall, bei dem ein 58-Jähriger starb. Nun wurde vor Gericht auch verhandelt, ob es ein Rennen war.

Ellwangen

Zu einer schwierigen juristischen Bewertung entwickelte sich am Montag ein Prozess vor dem Ellwanger Jugendschöffengericht, dem sich zwei junge Männer stellen mussten. Dem heute 19-jährigen, jüngeren der beiden Beschuldigten, wurde die Verursachung eines Unfalls am 30. Januar 2021 auf der B 29 bei Trochtelfingen vorgeworfen, bei dem er frontal in das Auto eines entgegenkommenden 58-Jährigen gekracht war. Dieser starb noch am Unfallort, der damals 18-Jährige überlebte schwer verletzt.

Sein damals 20-jähriger Kumpel sei ins Geschehen verwickelt gewesen. Beide sollen sich ein Straßenrennen geliefert haben, der 20-Jährige habe Unfallflucht begangen. Erster Staatsanwalt Armin Burger forderte in der Anklage deshalb eine Verurteilung nach Paragraf 315 d des Strafgesetzbuches, der Einzelnorm „Verbotene Kraftfahrzeugrennen“. Dieses noch eher junge juristische Mittel zielt speziell auf die Gefährdung durch Straßenrennen ab, um diese schärfer ahnden zu können.

Wenig Abstand und zu schnell

Die Beweisaufnahme durch Jugendstrafrichter Michael Schwaiger erbrachte ein objektiv recht deutliches Bild des Unfallgeschehens. Demnach waren die jungen Männer in hohem Tempo und mit wenig Abstand hintereinanderhergefahren, hatten auf einer Linksabbiegespur einen als Zeugen auftretenden Autofahrer überholt – mit „110 oder 120 Stundenkilometer“, so der Zeuge - in einer 70er-Zone. Wenige hundert Meter später war der vorausfahrende 18-Jährige mit seinem VW Polo in einer Linkskurve nach rechts von der Fahrbahn abgekommen, hatte die Leitplanke touchiert und beim vermutlich zu starken Gegenlenken die Kontrolle über sein Auto verloren. Mit rund 85 Stundenkilometern sei er frontal auf den Volvo des ordnungsgemäß entgegenkommenden 58-Jährigen geprallt, der sich an die dort geltende 60km/h-Begrenzung gehalten habe, so die Analyse des Verkehrssachverständigen, der die Wucht des Aufpralls verdeutlichte. Mittels Aufzeichnungen von Überwachungskameras eines ansässigen Firmengeländes habe er die Geschwindigkeit der Fahrzeuge der Beschuldigten auf rund 114 Stundenkilometer vor der Kurve errechnet.

Der 20-Jährige hatte seinen Ford Fiesta vor der Unfallstelle abbremsen können und telefonisch die Polizei verständigt. Dieser Notruf wurde in der Verhandlung abgespielt – und ließ den Eindruck des schrecklichen Unfalls entstehen. Unter dem litten die beiden Beschuldigten nach wie vor sehr, versicherten sie. Beide hatten eingangs über ihre Anwälte Erklärungen abgegeben, wonach der Ältere sagte, dass es kein „Rennen“ gegeben habe. Der 18-Jährige räumte sein fahrlässiges Verschulden ein, könne sich aber nicht mehr an die Umstände der Fahrt erinnern. Er überlebte den Unfall nur knapp, lag zwei Wochen im künstlichen Koma, hatte multiple Brüche des Beckens, der Oberschenkel und der Unterschenkel. Sein Unfallkontrahent erlitt ein Polytrauma mit zahlreichen Brüchen und inneren Blutungen. Er war noch am Unfallort gestorben. „Wahrscheinlich ist er verblutet“, so eine Ärztin, die die Leichenschau geleistet hatte.

Nicht zweifelsfrei ein Rennen

Verteidiger Bernd Hegendörfer argumentierte, dass es im juristischen Sinne für die Einstufung als „illegales Rennen“ Wettbewerbscharakter, einen Leistungsvergleich oder den Versuch, „höchstmögliche Geschwindigkeit“ zu erreichen brauche. Was nicht zweifelsfrei bewiesen werden könne. Zum selben Schluss kam das Schöffengericht. „Als Laie sagt man, 'klar, das war ein Rennen'“, so Schwaiger. Die Bundesgerichtshof-Rechtsprechung und andere Beispiele ließen hier einen zweifelsfreien Nachweis als „Kraftfahrzeugrennen“ aber nicht zu. „Es ist möglich, dass Sie beide einfach viel zu schnell gefahren sind.“ Er verurteilte den Unfallverursacher wegen „fahrlässiger Tötung“ zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die auf eine zweijährige Bewährung ausgesetzt wurde. Er muss 4500 Euro als Geldauflage zahlen und darf frühestens in einem Jahr wieder seinen Führerschein beantragen. Sein Freund wurde freigesprochen. Ohne Rennen sei er kein Unfallbeteiligter gewesen und somit nicht unfallflüchtig.

Beide Männer hatten mehrfach der Opferfamilie ihr Beileid und ihr tiefes Bedauern ausgesprochen. „Wenn ich es könnte, würde ich den Tag ungeschehen machen. Ich war an seinem Grab und habe mich entschuldigt. Ich hoffe, sie könne mir irgendwann verzeihen“, so der Unfallverursacher.

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