Türkisches Taskebap und Plätzchen

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Beste Stimmung bei Petra Krebber und ihren türkischen Gästen. Gekocht wird gemeinsam.
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Wie ein Ellwanger Paar mit über 15 Flüchtlingen Heiligabend feiert, Freundschaft und gegenseitige Dankbarkeit lebt.

Die Ellwanger sind nett. Ich habe keine schlechten Dinge erlebt.“

Hassan, Flüchtling aus der Syrien

Ellwangen

Weihnachten. Was ist das noch mal genau? Nein, nicht die vielen bunten Päckchen. Das Andere... Menschlichkeit? Aufmerksamkeit? Offenheit? Nächstenliebe? Freundschaft? Herzenswärme? Wenn ja, dann ist Weihnachten in der Karl-Stirner-Straße. In der Wohnung von Michael und Petra. Sie verbringen Heiligabend mit ihren Freunden, Flüchtlingen, die über die Landeserstaufnahmestelle (LEA) hier gelandet sind.

Schon im Treppenhaus duftet es richtig gut. In der Wohnung empfängt Stimmengewirr. Ein gut gelauntes Durcheinander aus Deutsch, Türkisch und Englisch. Und wenn das nichts hilft: Hände und Füße gibt’s ja auch noch. Wenn sich Petra (57) und Arzu (48) verständigen, wie sie das Essen für alle nachher am besten aufwärmen.

Berat (12) und Arzu brechen die Spaghetti in kleine Stücke. Das gibt die Einlage für die Vorsuppe aus Tomaten, Minze und einem Schuss Milch. Nafiye (47) umarmt lachend Petra, rührt dann wieder im Topf. Dort köchelt türkisches Taskebap: Rindfleisch, Soße, Tomaten, ein bisschen wie Gulasch. Arzu hat zuhause schon vorgekocht und es mitgebracht. Auch Petra stand schon länger in der Küche. Schließlich sollen ihre Flüchtlingsfreunde in den Genuss von deutschen Plätzchen kommen.

Den Nachtisch hat Hassan (35) aus Tübingen mitgebracht. Drei Stunden saß der Syrer im Zug, um Weihnachten mit Michael und Petra verbringen zu können. Auf den Küchentresen steht eine Karte mit einem großen „Danke“ darauf. Seit einem Jahr und zwei Monaten ist er in Deutschland. Alham, seine Frau, und die vier Kinder sind noch immer in Ras-al-Ayn. Manchmal kann er nächtelang nicht schlafen. Das Vermissen und sich Sorgen ist das Schlimmste von Allem. Wenn er irgendwo einen kleinen Jungen sieht, dann zieht sich alles in ihm zusammen. Wenn er an seinen sechsjährigen Sohn denkt. Der Mechaniker wartet noch immer auf seine Aufenthaltserlaubnis. Ein Geduldsspiel, das Vieles abverlangt.

Mit Ellwangen hat Hassan nur positive Erfahrungen, wie er in einfachen Worten formuliert: „Die Ellwanger sind nett. Ich habe keine schlechten Dinge erlebt.“ Als er in der LEA war, hätten ihm viele geholfen, erzählt er, während er den Tisch deckt. Anschließend habe er von den Anna-Schwestern Kirchenasyl bekommen. „Sie haben mir Unterkunft gegeben und mich beschützt.“ Für beides sei er unglaublich dankbar.

Das Deutschlernen läuft gut. Dank Michael. Auf diese Weise hat der 62-Jährige den Großteil seiner Flüchtlingsfreunde kennengelernt. Er und seine Frau Petra wohnen nur einen Steinwurf von der LEA entfernt. Seit Jahren ist es dem Ellwanger ein Anliegen, die Flüchtlinge zu unterstützen. Ihnen bestmögliches Rüstzeug für ihre hoffentlich bessere Zukunft mitzugeben. Deshalb paukt er mit ihnen Deutsch. Viele leben inzwischen irgendwo in Baden-Württemberg in Flüchtlingsunterkünften. Aber den Kontakt zu Michael, den halten sie und er. Zu viel gibt beiden Seiten diese Freundschaft, die Brücken schlägt über kulturelle Grenzen. „Nur durch die LEA wurde dies alles möglich“, sagt der IT-Fachmann. „Wir finden es furchtbar schade, dass die LEA in einem Jahr geschlossen werden soll.“

Ali (2) lässt seinen Spielzeugdino vor Oppelts Nase tanzen. Der lacht. Vertieft sich wieder ins Gespräch mit Berat. Der Zwölfjährige erzählt ihm ernst-aufgeweckt in beneidenswert gutem Deutsch, dass er manchmal noch eine 4 hat in einer Klassenarbeit und wie das war, noch vor der Flucht, als sich der Papa immer verstecken musste. Weil er Anhänger der Gülen-Bewegung war. Genauso wie die Meisten am Tisch. Sie alle sind Ärzte, Lehrer, Polizisten. Der türkischen Regierung ein Dorn im Auge. Wegen ihrer Gülen-Symphatien. Würden sie wieder türkischen Boden betreten, kämen sie ins Gefängnis. Warum sie die Einladung zu Michael und Petra angenommen haben? Bilal, Lokman, Abdurrahim, Ahmet Aydin, Nissa oder Kadir. Knapp 20 scharen sich um die lange Tafel neben dem geschmückten Christbaum. In der Türkei spielt dieses christliche Fest keinerlei Rolle. „Aber für Michael und alle deutschen Leute ist es ein heiliger Tag. Wir sind gekommen, aus Respekt vor Michael.“ Um ihm eine Freude zu machen. Um Freundschaft zu leben. Um ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.

Wie gesagt: In der Karl-Stirner-Straße: Da ist es: Weihnachten.

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