Ukraine: Bangen um die Heimat der Eltern

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Ihor Bilaniuk informiert sich auf ukrainischen Medien über die aktuellen Ereignisse. Der Flughafen von Iwano-Frankiwsk wurde mit Raketen angegriffen.
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Russische Bomben und Panzer in der Ukraine, Menschen auf der Flucht. Was Ihor Bilaniuk aus Rainau-Buch, dessen Eltern 1945 aus Iwanov-Frankisk in den Westen kamen, über den Krieg sagt.

Ellwangen

In der Nacht auf Donnerstag hat die Rote Armee die Ukraine angegriffen. Auch auf Iwano-Frankiws (deutsch: Stanislau), eine Stadt im Westen des Landes, fielen Bomben. Aus dieser Stadt in Galizien, in der Nähe von Lwiw (Lemberg) wo es bis 1945 noch viele deutschsprachige Einwohner gab, stammt der Vater von Ihor Bilaniuk."Mein Vater wurde noch als Österreicher geboren, zwischen den Kriegen hatten meine Eltern einen polnischen Pass. 1944 flohen sie vor der Roten Armee in den Westen und kamen 1951 auf die Ostalb. Mein jüngerer Bruder wurde im Annaheim geboren", erzählt Bilaniuk, der von 1978 bis zu seiner Pensionierung 2011 am Peutinger Gymnasium Geschichte und Religion unterrichtete.

Er hat noch viele Verbindungen in die Ukraine, Verwandte, persönliche Kontakte, Erinnerungen. Zuletzt war er 2019 in Lemberg, und wenn Corona nicht dazwischengekommen wäre, hätte er die Freunde auch voriges Jahr besucht. Nun sind alle Reisen in die Ukraine erst einmal Utopie. Was die Menschen dort jetzt durchmachen, mag man sich gar nicht vorstellen.

Am Donnerstagmorgen kam eine Nachricht von der Frau seines Vetters: "Die Sirenen heulen. Man schickt die Leute in die Schutzräume." Den ganzen Tag über saß Ihor Bilaniuk am Computer und informierte sich auf ukrainischen Seiten über die Ereignisse. In Iwano-Frankiwsk wurde der Flughafen getroffen, aber niemand verletzt. Man sieht ein Video vom Einschlag. Die Raketen kamen aus Weißrussland.

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Schon seit Monaten verfolgt er die Presse und wirklich überrascht hat ihn der russische Einmarsch nicht. "Die westlich orientierte, freiheitliche Ukraine, stellte das Selbstverständnis Russlands in Frage“, sagt er. Dass die Sowjetunion 1990/91 zerbrach, habe ganz wesentlich an der Ukraine gelegen, die ihre Unabhängigkeit anstrebte. Und als sich das Land nach der Maidan-Revolution sehr vorteilhaft entwickelt hat, war das für den Diktator Putin problematisch, weil sein eigenes Volk den Unterschied zur Ukraine immer deutlicher sehen konnte, während zuhause die Freiheit mehr und mehr eingeschränkt wurde. „Viele russische und weißrussische Oppositionelle sind in die Ukraine geflüchtet“, berichtet Bilaniuk. Wenn Putin die Regierung Selenski stürzt, bleibt ihnen wohl nichts anderes übrig, als weiter in den Westen zu fliehen.

Dass Putin die Ukraine wirklich besetzen kann, glaubt Ihor Bilaniuk nicht. „Dafür reichen seine Truppen nicht. Die Ukrainer werden Widerstand leisten. Die UPA-Partisanen sind legendär. Sie haben schon den nationalsozialistischen Besatzern das Leben schwer gemacht und auch der Roten Armee in der Westukraine bis 1965 Widerstand geleistet, was bei uns kaum bekannt ist.“ Wahrscheinlicher sei es, dass Putin das Land nur militärisch kontrollieren und wirtschaftlich destabilisieren will. Das wäre schon mit einer anhaltenden militärischen Bedrohung möglich gewesen. Schließlich könne man sich vorstellen, dass Putin einen direkten Zugang von Russland zur Halbinsel Krim anlegen will. „Die Krim ist als Exklave, ohne die Ukraine nicht lebensfähig“, sagt er.

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