Urteil im Mordprozess: 15 Jahre Haft und Einweisung in eine Psychiatrie

  • Weitere
    schließen
+
Der Tag des Urteils im Mordprozess "Rot am See", das Medieninteresse ist so groß wie am ersten Tag der Hauptverhandlung. Mehrere Kamerateams filmen den Angeklagten vor Verhandlungsbeginn.
  • schließen

15 Jahre Freiheitsstrafe und Einweisung in eine Psychiatrie: Richter Gerhard Ilg erkennt im Fall Adrian S. auf verminderte Schuldfähigkeit.

Ellwangen

Wie steht es um die Schuldfähigkeit des Menschen, der am 24. Januar seine Familie weitgehend ausgelöscht hat? Darum ging es in den Plädoyers am siebten Tag der Hauptverhandlung gegen Adrian S.. Alle Nebenklagevertreter gehen von voller Schuldfähigkeit des Angeklagten aus und fordern lebenslange Freiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung.

Die Anwältin Christine Glück vertritt die beiden Neffen des Angeklagten: "Es gibt keinen Wahn, nur Faulheit und Eigennutz", sagt sie. Die Schilderungen des Angeklagten seien eine gezielte Selbstdarstellung, um schuldunfähig zu gelten. Der Angeklagte bleibe aber eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Salome Götz ist die Vertreterin der beiden schwer verletzten Großeltern der Neffen: das Eigeninteresse des Täters habe immer im Vordergrund gestanden, den Wahn habe er sich ausgedacht. Zentrales Motiv sei Habgier gewesen, um an das Erbe der Getöteten zu kommen.

Maik Weiser, der den Großvater vertritt, sieht das genauso. Auch er hält den Wahn des Täters, die Mutter habe ihn vergiften wollen, für frei erfunden. Christine Martin, Anwältin des Bruders der Mutter, schildert wie ihre Vorrednerinnen und Vorredner Leid und Traumatisierung der Nebenkläger.

An die richtet der Verteidiger Andreas Kugel seine ersten Sätze, versichert sein tiefstes Mitgefühl und entschuldigt sich quasi für sein Mandat. "Wir haben eine Aufgabe wahrzunehmen", sagt er, nämlich die Rechte des Angeklagten zu verteidigen. Das Verhältnis des Adrian S. zu seiner Familie sei nicht so harmonisch gewesen, wie es nach außen schien. Er litt offenbar unter der Fernbeziehung der Eltern woraus eine paranoide Fehlverarbeitung entstanden sei, die sich zu einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, einem anhalten Wahn verfestigte.

Kugel meint, man müsse die Schüsse auf acht Personen als Tateinheit betrachten, der Wahn auf die Mutter sei wie eine Klammer gewesen. Adrian S. sei offenbar während der Tat, "im Tunnel" nicht mehr zu strukturiertem Denken in der Lage gewesen. Sein Angeklagter sei deshalb vermindert schuldfähig.

Für den Angeklagten spreche, dass er immer kooperativ gewesen sei und die Ermittlungen erleichtert habe. 13 Jahre Freiheitsstrafe und die Unterbringung in einer Psychiatrie nach Paragraf 63 hält Kugel für angemessen.

Habgier war kein erkennbarer Sachverhalt, nur Spekulation.

Gerhard Ilg Vorsitzender Richter

Das letzte Wort hatte der Angeklagte: "Ich möchte mich bei allen Betroffenen entschuldigen", sagt Adrian S. und richtet sich direkt an die anwesenden Verwandten. Es tue ihm leid, dass er sie traumatisiert und ihnen geliebte Menschen genommen habe.

"Ich bereue es und wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen". Man solle den Neffen erklären, dass er ihnen auf keinen Fall weiteres Leid zufügen wolle, sagt Adrian S. weiter. Und: "Niemand braucht Angst vor mir zu haben."

Um 14.30 Uhr spricht Gerhard Ilg, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer, sein Urteil: Adrian S. wird wegen sechsfachem Mord und zweifachem versuchten Mord in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie wird angeordnet.

Ilg begründet sein Urteil mit dem gemilderten Strafrahmen aufgrund verminderter Schuldfähigkeit nach Paragraf 21. Die schwere und anhaltende psychische Störung des Angeklagten habe nach Ansicht des Gerichts das gesamte Tatgeschehen überlagert. Vom ersten bis zum letzten Schuss "ein einziges Chaos im Zustand der Raserei" meinte Ilg und sah keine abtrennbare motivationale Bewegung. Insofern seien die Schüsse auf den Bruder auch nicht abgefeuert worden, um die weiteren Straftaten zu ermöglichen.

Bei der Festlegung des Strafrahmens ging Ilg gleichwohl von Einzeltaten aus, in Respekt vor dem Leben als höchstem menschlichen Gut. Er erkannte bei den sechs Morden auf jeweils 13 Jahre Freiheitsstrafe, bei den beiden Mordversuchen auf 9 beziehungsweise 7 Jahre, woraus sich das gesetzlich denkbare Höchstmaß von 15 Jahren ergibt.

Die Einweisung in die Psychiatrie diene in erster Linie dem Schutz der Allgemeinheit und nicht der Therapie des Angeklagten. Adrian S. müsse dort so lange bleiben wie er eine Gefahr für andere darstelle.

Den Haftbefehl hob Gerhard Ilg nicht auf. Der Angeklagte bleibt in der JVA Stammheim bis das Urteil rechtskräftig ist.

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

WEITERE ARTIKEL