"Viele Bauern stehen mit dem Rücken zur Wand"

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Viele landwirtschaftliche Betriebe fürchten um ihre Existenz, klagt Ostalb-Bauernpräsident Hubert Kucher
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Kreis-Bauernvorsitzender Kucher fürchtet um Existenzen. Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner kündigt stärkere Förderung kleiner Betriebe an.

Ellwangen

Wahlkampf in Corona-Zeiten, da testen die Parteien neue Veranstaltungsformate. Zu einem virtuellen Journalistentreffen mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter geladen. Klöckner war zugeschaltet aus dem Auto auf dem Weg nach Tübingen. Ebenfalls zugeschaltet: Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim.

Die Landwirtschaft ist im Umbruch, nicht nur auf der Ostalb. Kiesewetter umriss die Herausforderungen für die Bauern: wachsende Standards bei Nutztierhaltung, Pflanzen-, Umwelt- und Klimaschutz, Preisdruck bei der Vermarktung, Wirtschaftlichkeit der Höfe. Landwirte leisteten einen immensen Beitrag zu Artenvielfalt und Landschaftspflege, doch vielerorts fehle es der Gesellschaft an Wertschätzung, aber auch an Information darüber, konstatierte Kiesewetter.

Hubert Kucher, Kreisvorsitzender des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, legte schlaglichtartig die Themen dar, die ihn und seine Kollegen täglich bewegen:

Schweinezucht: "Die Kollegen stehen wegen des Preisverfalls mit dem Rücken zur Wand", sagte Kucher. Die Politik fordere Umbau der Ställe für mehr Tierwohl. "Ein riesen Problem", so Kucher. Ministerin Klöckner verwies darauf, dass die Bundesregierung in Brüssel 80 Prozent Zuschuss für den Umbau der Ställe erreicht habe. Kucher konterte: "Wir müssen es erst einmal schaffen, dass die Betriebe, die überhaupt noch da sind, erhalten bleiben."

Tierhaltung: Scharfe Regelungen in Deutschland, gleichzeitig aber unter unkontrollierten Bedingungen produzierte Lebensmittel aus dem Ausland einführen - das gehe gar nicht, machte Kucher am Beispiel der Eier von Hühnern aus Käfighaltung deutlich. Für die Landwirte habe Nahrungsmittelerzeugung oberste Priorität, aber die Familien müssten davon leben können. Dass der Großteil der Verbraucher bereit sei, an der Ladentheke mehr Geld auszugeben für Tierwohl, glaube er nicht. Ministerin Klöckner erwiderte, dass mittlerweile im Ausland produzierte Eier aus Käfighaltung nicht mehr in deutschen Supermärkten verkauft werden dürften.

Einkommen und Fördergelder: Der Lebensmitteleinzelhandel sei treibende Kraft beim Druck auf die Preise, klagte Kucher. Klöckner erläuterte, sie habe ein Gesetz auf den Weg gebracht gegen unlautere, unfaire Handelsbedingungen. In puncto Förderung im Rahmen der europäischen Agrarpolitik kündigte sie einen "Systemwechsel" an, der letztlich auch den Höfen auf der Ostalb zugute komme: "Wir wollen künftig kleine und mittlere Betriebe viel mehr fördern. Außerdem unterstützen wir ökologisch wertvolle Tierhaltungsformen, gerade in den ländlichen Gebieten." Wer als Bio-Landwirt wirtschaften will, werde weiter Umstellungs- und Förderprämien erhalten. Jung-Landwirte würden stärker unterstützt. Klöckner: "Mehr Tierwohl kostet mehr Geld, und das können die Tierhalter nicht alleine stemmen. Ich habe daher dafür gesorgt, dass nun mehrere rechtlich geprüfte Vorschläge zur Finanzierung vorliegen.“

Freiflächen-Photovoltaikanlagen : "Wohin geht da der Trend?", wollte Roderich Kiesewetter von der Ministerin wissen. Täglich würden in Deutschland 56 Hektar Fläche in Deutschland versiegelt. Land brauche man aber zur Nahrungs- und Futtermittelerzeugung, antwortete Julia Klöckner. Bei der Nutzung zur Energieproduktion müsse man Bodenwerte und Gegebenheiten vor Ort im Einzelfall bewerten. Zurzeit laufe ein Pilotprojekt mit Beweidung.

Ausgleichsflächen: Um Eingriffe in Natur und Landschaft zu kompensieren, würden häufig ökologische Ausgleichsflächen geschaffen, erläuterte Kiesewetter. Das Problem: Letztlich gingen diese Flächen den Landwirten verloren. "Ich teile Deine Meinung", so Klöckner, wenn man sich für Nachhaltigkeit engagiere, solle man sich vor Augen führen, dass 70 Prozent des Obstes und Gemüses in Deutschland importiert würden. "Wenn wir regionale Produkte wollen, müssen den Landwirten dafür auch Flächen zur Verfügung stehen."

Beim Thema Flächenversiegelung kam Bauernpräsident Kucher am Schluss richtig in Fahrt: "Massiv unterschätzt" sei dieses Problem. Sein Beispiel aus Ellwangen: Das neue Gewerbegebiet werde jetzt mit 60 Hektar geplant. Sicher, Firmen bräuchten Infrastruktur, man brauche Wohnbauflächen - "aber dann noch Flächen zum ökologischen Ausgleich, das müssen wir über Dachbegrünung oder andere Maßnahmen hinkriegen".

Eine gesicherte Nahrungsmittelproduktion ist aus Kuchers Sicht wichtig für die gesellschaftliche Stabilität: "Bei der Umstellung auf Bio haben wir nur den halben Ertrag. Wir können dann unsere Menschen nicht mehr ernähren. Wenn wir so weitermachen, sind wir abhängig von Lebensmitteln aus dem Ausland."

Ministerin Julia Klöckner
Hubert Kucher

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