Viele sahen schweigend zu

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Rund 100 Schaulustige kamen auf den Marktplatz und sahen sich die Aufführung des Straßentheaters "Hierbleiben... Spuren nach Grafeneck" an.
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Das Reutlinger "Theater in der Tonne" erinnert auf dem Marktplatz mit einer panoptischen Aufführung an die NS-Euthanasieaktion T4.

Ellwangen

Inklusives Straßentheater, bunt, lebendig, vielseitig und dem bedrückenden Thema immer gerecht werdend: Die Aufführung "Hierbleiben... Spuren nach Grafeneck" war ein beeindruckendes Erlebnis. Auch wenn die äußeren Umstände, und dabei in erster Linie das nasskalte Wetter, wenig einladend waren, blieben knapp 100 Zuschauer stehen oder nahmen auf den bereitgestellten Stühlen Platz.

Die Männer und Frauen mit Handicap, die in rote Overalls und schwarze Schirmmützen gekleidet waren, sprachen zu Beginn über ihre Eindrücke beim Besuch der Gedenkstätte Grafeneck. Das Schlossgelände war vom 18. Januar bis 13. Dezember 1940 Schauplatz der "Aktion T4". Hinter dem Kürzel verbargen die Nationalsozialisten den systematischen Massenmord an 10 654 geistig behinderten oder psychisch kranken Männern, Frauen und Kindern.

Auch 80 Jahre später hat der Ort diesen Schrecken nicht abgelegt. Die Darsteller drückten ihre Gedanken aus: "Was hat man damals mit uns getan? Uns Leuten mit einem Handicap? Wenn ich bedenke, was ich den Staat koste, allein mein Rollstuhl. Da hätte es mich auch erwischt. Ganz bestimmt."

In der rund 90-minütigen Vorführung wurden in verschiedenen Choreografien, mit vorgetragenen Texten, mit Glocken, Liedern und Verkleidungen Assoziationen an das verbrecherische Geschehen geweckt.

Die Erfindung von Todesursachen für die Hinterbliebenen, der Transport mit den "grauen Bussen", die Trennung der "Pfleglinge" von ihren Familien, Zwang und Anonymität der Anstalt, die kaltblütige Täuschung der Betroffenen durch das Personal, darauf spielten die Darsteller mal mehr mal weniger direkt an. Den Schrecken der geschichtlichen Ereignisse unterstrichen sie mit akustischen Signalen, im Befehlston gebrüllte Kommandos, Rattern einer Schreibmaschine, Glockenklingeln. Oder konterkarierten ihn durch alte deutsche Volkslieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Muss i denn".

Mich hätte es auch erwischt. Ganz bestimmt.

Ein Rollstuhlfahrer aus dem Ensemble

Die fiktive Befragung des Arztes Dr. Horst Schumann, der die Aktion T4 durchführte und auch in Auschwitz an der Rampe separierte, macht die absurde Ungerechtigkeit der Geschichte deutlich: Der Mann, der zehntausende in die Gaskammern schickte, musste sich erst 1970 vor Gericht dafür verantworten. Und wurde nicht verurteilt, weil er unter Bluthochdruck litt.

Die Männer und Frauen des inklusiven Ensembles sind teilweise schon viele Jahre am "Theater in der Tonne". Regisseur Enrico Urbanek arbeitet dort seit 2004 mit Menschen zusammen, die durch unterschiedlichste Behinderungen eingeschränkt sind und doch auf vielseitige Art und Weise auf der Bühne agieren können. Sie werden nach ihren individuellen Möglichkeiten und Stärken geschult und wirken in unterschiedlichen Produktionen mit.

Das Straßentheater "Hierbleiben... Spuren nach Grafeneck" wird noch bis Juni 2021 in verschiedenen Städten aufgeführt. Termine findet man unter www.Spuren-nach-Grafeneck.de

Defekt Mensch: In Fantasiekostümen brachten die Darsteller mit unterschiedlichen Behinderungen ihre Gefühle zum Ausdruck.

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