Waffensysteme: Dem General geht die Geduld aus

+
Generalleutnant Markus Laubenthal sprach im Olgasaal der Reinhardt-Kaserne über die aktuelle Lage der Bundeswehr.
  • schließen

Die neue Bundesregierung muss veraltete Waffensysteme ersetzen und die Entscheidungen müssen bald fallen. Das macht Generalleutnant Laubenthal im Vortrag deutlich.

Ellwangen

Zur aktuellen Lage sprach im Olgasaal der Reinhardt-Kaserne der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr, Generalleutnant Markus Laubenthal. Eingeladen hatten das Bundessprachenamt und die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP).

Im Verteidigungsministerium habe es keine Stunde Null gegeben, nachdem ein neues Leitungsteam unter der Ministerin Christine Lambrecht an der Spitze steht. Die alten Probleme seien auch die neuen, die nun die Ampelkoalition lösen muss. Und das sind vor allem Investitionen und Entscheidungen bezüglich moderner Ausstattung aller Waffengattungen. Die Tornado-Nachfolge, die Drohnenbewaffnung, die beschleunigte Beschaffung von digitaler Technologie und die Ausstattung der Reserve zeichnet Laubenthal den politischen Fahrplan nach.

Allzuviel Zeit dürfe sich die Politik nicht lassen, um die Entscheidungen zu treffen, denn die Bündnispartner erwarteten Kontinuität und Verlässlichkeit angesichts einer weltpolitischen Lage, die kein Durchatmen erlaubt. Im Baltikum sei die Ostflanke der Nato bedroht, an den Außengrenzen werde mit hybriden Mitteln eine Destabilisierung versucht, etwa durch die Instrumentalisierung von Flüchtlingen an der polnischen Grenze. Wie der Konflikt in der Ukraine ausgeht, sei ungewiss, auch wenn der Dialog zwischen USA und Russland den Kreis der Optionen zunächst erweitert. Über Kasachstan, den Indopazifik, Yemen, Afghanistan, den Nahen Osten, Äthiopien, Mali bis nach Südamerika sieht der General Gefahren für die NATO und die Bundesrepublik.

Die Rolle der Bundeswehr in der NATO sei von großer Bedeutung, Deutschland ist Teil der Response Force und stellt derzeit eine Brigade der multinationalen NATO-Speerspitze VJTF. Diese Einheit stehe zwar, doch die technische Ausstattung hat noch Lücken. "Wir müssen dringend aufholen bei der Digitalisierung, bei der Führungsfähigkeit", meinte der General. "In meinem 39. Dienstjahr fehlt mir manchmal die Geduld. Ich habe schon zu viel gewartet."

Ein Beispiel ist die Nachfolge für das Kampfflugzeug Tornado, die bislang nicht entschieden ist. Die Zeitachse gebe den Takt vor, meinte Laubenthal und stellte fest: "Der Tornado ist 2030 obsolet, weil dann die Versorgung mit Ersatzteilen nicht mehr gesichert ist." Von anderen Waffensystemen wisse man, dass es regelmäßig zu verzögerten Auslieferungen kommt. Die europäische Kooperation Next Generation Weapon System (NGWS) sollte auf Basis des Eurofighter den Tornado ablösen, ist aber noch weit von einem Produktionsstart entfernt. Andere Staaten, die an dem neuen Flugzeug interessiert waren, haben deshalb us-amerikanische F35 gekauft. Sollte Deutschland dasselbe tun, wollte ein Zuhörer wissen.

"Die NATO rechnet mit unseren Fähigkeiten", meinte der General. Bevor man die mit einem veralteten Tornado verliere, weil man auf einen Eurofighter warte, wäre eine Zwischenlösung sinnvoll. Allerdings zeige der Kampfhubschrauber Tiger, dass die lange Entwicklungszeit neuer Systeme dazu führt, dass die Waffen ganz anders eingesetzt werden als ursprünglich gedacht. "Der Tiger wurde zur Panzerabwehr entwickelt. In Afghanistan hat er sich zur Abschirmung von Konvois bewährt, weil er doppelt so lange in der Luft bleiben kann wie die Helikopter der Amerikaner", erzählte der General.

Zukunftsprojekt der Bundeswehr ist auch die Neuorganisation der Reserve als Heimatschutz, ein Schwerpunktthema von Markus Laubenthal. Die Reserve, die bereits jetzt Dienstposten der Armee spiegle und im Bedarfsfall besetze, soll neu organisiert und regional aufgestellt werden. Die Ausbildung soll in Wohnortnähe sein und jede Einheit soll eine "militärische Heimat" haben, einen Standort, wo auch das Material gelagert ist. Geübt werden soll mit dem Material der Truppe, "aber keine Raketentechnik", so Laubenthal.

Der Heimatschutz soll schwerpunktmäßig aus den Absolventen des freiwilligen Wehrdienstes aufgestellt werden. Von den jungen Leuten, die momentan das "Jahr für Deutschland" absolvieren, wechselten 35 Prozent anschließend in die aktive Verwendung, also zur Bundeswehr, Polizei, Bundesgrenzschutz. Die anderen sollen nach der siebenmonatigen Ausbildungszeit weitere fünf Monate in Reserveübungen und Wochenendkursen für die Aufgaben des Heimatschutzes qualifiziert werden. Die ersten größeren Wehrübungen haben an der Kieler Förde und in Wildflecken stattgefunden.

Neben der Landes- und Bündnisverteidigung sei die Amtshilfe bedeutende Aufgabe der Bundeswehr. 8000 Soldatinnen und Soldaten seien 2021 in COVID-Impfzentren, zur Nachverfolgung von Infizierten und auch bei der Flutkatastrophe im Ahrtal eingesetzt worden. "Die Amtshilfe konsumiert ein Stück Einsatzbereitschaft, doch die Soldaten machen das gerne", meinte der General, hob jedoch hervor, dass eine frühzeitige Einbindung der Bundeswehr wünschenswert sei. "Katastrophenalarm auszulösen ist kein Zeichen von Schwäche. Schlimm ist aber, wenn wir zu spät kommen und nur noch aufräumen können." Klare Krisenpläne sowie gemeinsame Übungen mit Feuerwehr, THW und anderen wären nach Ansicht des Generals wünschenswert. 

Landrat Dr. Joachim Bläse dankte Laubenthal in diesem Zusammenhang für die über 100 Soldaten, die im Landratsamt Aalen Pandemiehilfe leisteten.

Kampfhubschrauber der Bundeswehr über dem Truppenübungsplatz Haisterhofen.
Kampfhubschrauber der Bundeswehr über dem Truppenübungsplatz Haisterhofen.
Kampfhubschrauber der Bundeswehr über dem Truppenübungsplatz Haisterhofen.
Kampfhubschrauber der Bundeswehr über dem Truppenübungsplatz Haisterhofen.

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare