Wann wird Erdgas für die Kunden teurer?

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Gaszähler im Privathaushalt: Die Turbulenzen am Gasmarkt werden auf die Verbraucher durchschlagen, aber längst nicht so heftig, wie es die Versorgungsunternehmen im Moment erleben.
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Die Stadtwerke Ellwangen haben sich über langfristige Lieferverträge relativ abgesichert. Trotzdem bergen die extremen Preisausschläge Risiken für kommunale Energieversorger.

Ellwangen Der Weltmarkt für Erdgas verzeichnet seit einigen Wochen eine exponentielle Preissteigerung, die auch dem Geschäftsführer der Ellwanger Stadtwerke, Stefan Powolny, Sorgen bereitet. Kostete die Megawattstunde (MWH) vor acht Monaten noch 15 bis 16 Euro, muss man aktuell 93 Euro dafür zahlen. "Der Preis hat sich in acht Monaten mehr als verfünffacht. Die Geschichte ist heiß für alle Beteiligten", sagt er. Und mit der CO2-Besteuerung habe diese Preisexplosion nichts zu tun.

Die Ursache sieht Powolny wesentlich darin, dass der vergangene Winter sehr kalt war und die Erdgasspeicher sich bis jetzt nicht wieder aufgefüllt haben. Das lag am Energiehunger Chinas, wo nach dem pandemiebedingten Einbruch die Wirtschaft wieder Fahrt aufnahm. Die Tanker mit Flüssiggas aus den USA fuhren nach Asien anstatt die Speicher in Europa zu füllen. Je näher die neue Heizperiode rückte, desto unruhiger wurden die Energieversorger, orderten nach und trieben den Gaspreis immer weiter hoch. "Das wird sich spätestens im Frühjahr wieder entspannen", glaubt Powolny. "Auf das Niveau vom Frühjahr 2021 wird der Preis aber nicht wieder sinken. Ein grundsätzlicher Mangel am Weltmarkt bleibt"

Die Beschaffungsstrategie der Stadtwerke ist der Grund dafür, dass der aktuell extrem hohe Preis nicht im selben Maß auf den Endkunden durchschlägt. Powolny: "Wenn wir einen Vertrag abschließen, egal ob mit Privatkunde oder Gewerbebetrieb, ordern wir umgehend die Mengen, die wir brauchen, um diesen Vertrag zu erfüllen." So bleibe das Preisrisiko gering und die Preiserhöhung droht nur, wenn die Verträge auslaufen beziehungsweise aktuell neu geschlossen werden.

Die Mengen können im Voraus nur geschätzt werden. Man nimmt den Verbrauch im langjährigen Mittel als Grundlage dafür. Weil der tatsächliche Bedarf davon abweichen kann, etwa weil es besonders kalt ist und viel geheizt wird, kann es dazu kommen, dass Gas zum Tagespreis nachgekauft werden muss. Bei den aktuellen Preisen ist das für ein kommunales Versorgungsunternehmen wie die Stadtwerke extrem belastend. Powolny: "Da fallen schnell extreme Summen an." Um Tageskäufe zu vermeiden haben die Stadtwerke bereits den Betrieb des Fernwärmeheizwerks auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände von Gas auf Erdöl umgestellt. Powolny: "Da war noch Heizöl aus Bundeswehrzeiten vorhanden, das wir jetzt aufbrauchen." Außerdem werden starke gewerbliche Gasverbraucher, die kurzfristig auf alternative Energieträger umstellen können, gebeten, das vorübergehend zu tun. Powolny bestätigt: "Solche Anrufe haben wir bereits getätigt."

Ein Risiko für die Stadtwerke liegt auch in der Ersatzversorgung, zu der die kommunalen Versorger verpflichtet sind, etwa wenn andere Versorgungsunternehmen ausfallen. Insbesondere Billiganbieter, die keine langfristige Einkaufsstrategie haben, könnte es in der jetzigen Situation vom Markt fegen, befürchtet Powolny. "Dann müssen wir einspringen. Das hat der Gesetzgeber so festgelegt." Für Endkunden, die jetzt auf Ersatzversorgung angewiesen sind, könnte es ein bitteres Erwachen geben. Stammkunden mit Laufzeitverträgen seien zunächst einmal nicht betroffen. Zum Jahresende werde es nur Anpassungen bei der Grund-/ Ersatzversorgung und beim "9% Bonus"-Vertrag geben. Trotzdem muss wohl jeder Gaskunde im nächsten Jahr mit höheren Energiekosten rechnen, weil im vergangenen Winter praktisch jeder mehr Gas verbraucht hat. Dadurch steigen im neuen Abrechnungsjahr die Abschläge.

Die Preisexplosion am Gasmarkt hat auch auf andere Energieträger wie Biogas und sogar auf die Strombörse durchgeschlagen. Der Hintergrund: Spitzen in der Stromversorgung werden mit Gaskraftwerken abgedeckt, die man schnell hochfahren und wieder vom Netz nehmen kann. Selbst wenn die Preise für den Endkunden zeitversetzt und weniger dramatisch steigen, kann das für den Einzelnen schnell zu einer beträchtlichen Mehrbelastung werden. Powolny: "Wenn sich die Heizkosten plötzlich verdoppeln, geht das bei manchen schnell an die Existenz."

Ein Stück weit unkalkulierbar wäre die Situation, wenn ein großes Versorgungsunternehmen wie Shell, Wingas oder EON ins Straucheln kommen sollte und Kundenverträge nicht mehr bedient werden. Dann wäre auch die langfristige Beschaffungsstrategie nichts mehr wert. Doch davon geht Powolny nicht aus. Die Preisexplosion zeige, dass sich der Spotmarkt von der tatsächlich vorhandenen Menge entkoppelt habe. Powolny: "Allein die Ankündigung Russlands, Europa etwas mehr zu liefern als vertraglich vereinbart, hat den Preis um 30 Euro fallen lassen."

Das Risiko für die Stadtwerke hält der Geschäftsführer zumindest 2022 für überschaubar. Gerhard Königer

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