Wenn die Bewohner ihr Wohngebiet planen

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Ein digitales Modell des geplanten Wohn- und Gewerbegebiet Ellwangen Süd: 700 Wohneinheiten plus Büroflächen im Süden sind geplant. Das Modell zeigt gut die topografischen Verhältnisse und den hohen Anteil von Grünflächen.
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Bei der Bürgerplanungswerkstatt für das neue Baugebiet "Ellwangen Süd" wurden innovative Ideen gesammelt.

Ellwangen

Neue Wohngebiete entstehen gewöhnlich an den Computern von Planungsbüros, am Entwicklungsprozess beteiligt sind noch Gemeinde- oder Ortschaftsräte. Die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner können jedoch erst Einfluss nehmen, wenn die Pläne vor dem Beschluss zur Anhörung öffentlich ausliegen. Für grundlegende Änderungen ist es dann meist schon zu spät.

Einen anderen Weg wollte die Stadt Ellwangen beim neuen Baugebiet "Ellwangen Süd" gehen, das auf dem Areal der ehemaligen Reinhardt-Kaserne entstehen soll. Die Dimension rechtfertigt alte Gewohnheiten über Bord zu werfen, immerhin sollen hier rund 700 Wohneinheiten entstehen, bis zu 2000 Menschen sollen hier einmal wohnen und arbeiten, denn auch Gewerbeflächen sind vorgesehen. Kindergarten, Bürgertreff, Café oder Bistro, Jugendräume sind angedacht.  Es soll, kurz gesagt, ein ganz neuer Stadtteil entstehen. Deshalb wurden interessierte Bürgerinnen und Bürger eingebunden, bevor das Konzept des Stadtplanungsamtes, das Grundlage für die bisherigen Beschlüsse des Gemeinderates war, in die konkrete Planungsphase übergeht.

Jeder konnte mitmachen an der "Planungswerkstatt" und viele waren dabei: an den vier Workshops zu unterschiedlichen Themenbereichen beteiligten sich je rund 20 Personen, berichtete Dr. Lisa Küchel von Weeber und Partner, Institut für Stadtplanung und Sozialforen. Das Büro organisierte und moderierte die Bürgerbeteiligung, die an vier Abenden als Online-Konferenzen stattfanden. Vorausgegangen waren öffentliche Debatten im Gemeinderat, Besichtigungstermine und Führungen auf dem Gelände.

Welche Ideen daraus entwickelt wurden, fasste bei der Abschlussveranstaltung am Donnerstagabend der Architekt und Stadtplaner Thomas Geissler von der Kommunalentwicklung (KE) zusammen. Fazit: Der neue Stadtteil soll innovativ werden in jeglicher Hinsicht. Viel Grün, viel Natur, viel Raum für Begegnung soll das Lebensgefühl der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen. Und die Glücklichen, die hier einmal wohnen, sollen nicht etwa nur Reiche sein, die sich teure Eigenheime leisten können. "Ellwangen Süd" soll Wohngebiet mit Modellcharakter werden, in dem ein Querschnitt der Gesellschaft wohnt: junge Familien, Singles, alte Leute, Vermögende und Menschen, die Sozialhilfe brauchen. Zwei Drittel der Neubauten sollen Mehrfamilienhäuser sein, mit einer Sozialquote von 25 Prozent. Das hatte bereits der Gemeinderat bestimmt. Es sollen Mehrgenerationenhäuser entstehen, gemeinschaftliche Wohnformen, Baugemeinschaften. Um diese Ziele auch tatsächlich zu erreichen, sollen die Grundstücke für die Mehrfamilienhäuser über Konzeptvorgaben von einer Jury vergeben werden. Nicht der Schnellste oder der Meistbietende bekommt den Bauplatz, sondern der, dessen Entwurf den Vorgaben am nächsten kommt.

An der Bürgerwerkstatt beteiligten sich Leute, die in dem Wohngebiet selbst bauen oder eine Wohnung kaufen wollen. Daneben auch  Architekten, Anwohner und Menschen, denen es wichtig ist, wie sich die Stadt weiter entwickelt. Ihre Ideen gehen weit über das hinaus, was sonst in einem Bebauungsplan formuliert wird. Man sprach über die Energieversorgung: Wärme und Strom sollen ohne fossile Energieträger möglichst vor Ort erzeugt werden, die Stadtwerke Ellwangen sollen als Vorlieferant von "kalter Nahwärme" oder gleich als Komplettdienstleister auftreten. Die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr soll so fortschrittlich sein, dass viele auf das eigene Auto verzichten und stattdessen Fahrrad oder E-Bike fahren. In den Wohnstraßen will man keine geparkten Autos sehen, sondern Kinder, die Fangen oder Fußball spielen. Stellflächen nur in Tiefgaragen und am Rand der Wohnbebauung, war die Idee.

Man sieht "Ellwangen Süd" sogar als Erweiterung zur Landesgartenschau 2026, die ersten Häuser könnten dann bereits stehen. Entsprechende Anschlüsse durch verbundene Grünanlagen, Rad- und Fußwege sollen die LGS-Besucher einladen, durch das Gebiet zu spazieren. Dort könnten sie dann kombinierte Grün- und Solardächer sehen, begrünte Fassaden und gemeinschaftlich bewirtschaftete Gemüsegärten, Stichwort "Urban Gardening". Das ganze Gebiet soll nach dem Konzept der "Schwammstadt" angelegt werden, das heißt Niederschläge, Starkregen wird im Gebiet zurückgehalten, in Zisternen, Teichen, vielleicht sogar in unterirdischen Kammern, die als Langzeit-Wärmespeicher eine Doppelfunktion haben. Über kleine Bäche, Brunnen, Kaskaden soll das Wasser zeitverzögert oberirdisch abfließen.

Die Ideen der Planungswerkstatt reichten von der groben Erschließung, über einen Kreisverkehr an der B 290 und Poller-geschützte Rad- und Fußweg an der Karl-Stirner-Straße bis zu einem Förderprogramm für E-Bikes mit dem Ziel, dass jeder Haushalt ein E-Bike nutzt.

Oberbürgermeister Michael Dambacher war begeistert von der guten Beteiligung und von den vielen Ideen, die nun in die weitere Planung einfließen sollen. 

Führung durch das künftige Wohngebiet, das auf dem Gelände der früheren Bundeswehrkaserne entstehen soll. Bislang dominieren noch Panzerstraßen und -hallen.
Ein Entwurf des neuen Baugebiets "Ellwangen-Süd": In der Planungswerkstatt haben sich Bürgerinnen und Bürger mit der tatsächlichen Ausgestaltung beschäftigt.

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