Wer stiehlt ein Bild vom Alten Fritz?

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Der wegen mehrerer Überfälle und Wohnungseinbruch angeklagte Kosovare wird in den Saal des Ellwanger Schwurgerichts geführt.
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Der Wohnungseinbruch in Eigenzell ist Thema am dritten Verhandlungstag.

Ellwangen. Die Rollen vor Gericht sind ungleich verteilt: Während der Staatsanwalt dem Angeklagten die Tat nachweisen muss, genügt es dem Verteidiger, wenn er Zweifel an der Täterschaft seines Mandanten weckt. "Im Zweifel für den Angeklagten" lautet ein Grundsatz, nach dem in Deutschland Recht zu sprechen ist.

Das Verfahren der zweiten großen Strafkammer gegen den 25-jährigen Mann aus dem Kosovo und die junge Frau aus Crailsheim, mit der er liiert war, entwickelt sich zum Indizienprozess. Zeugen der Überfälle auf den Essinger Pennymarkt, den Lidl in Crailsheim und die VR-Bank in Jagstzell sowie die Einbrüche in Eigenzell und Crailsheim konnten den Täter nicht klar erkennen.

Es bleiben Spuren an den Tatorten, auch DNA-Spuren, Erkenntnisse aus der Überwachung und Abhörung der Angeklagten und es bleibt das Diebesgut, das in der Wohnung der Frau gefunden wurde. Ob diese Erkenntnisse ausreichen, um die beiden Angeklagten in allen Anklagepunkten auch zu verurteilen wird immer unwahrscheinlicher.

Zu Beginn des dritten Verhandlungstages geht es erneut um die Verfahrenseinstellung bezüglich einzelner Tatvorwürfe. Der Verteidiger der Angeklagten möchte, dass man die Beschuldigung seiner Mandantin wegen Beihilfe fallen lässt und ihr Verfahren abtrennt. Den Vorwurf der Hehlerei gibt sie zu. Oberstaatsanwalt Jörg Böhmer ist nicht abgeneigt, trotz der Zigarettenkippe mit ihrer DNA, die ursprünglich als Indiz für ihre Teilnahme am versuchten Banküberfall von Jagstzell gewertet wurde.

Der Verteidiger des Kosovaren empört sich über das psychologische Gutachten, das in Schriftform vorliegt. Die letzten eineinhalb Jahre, die sein Mandant in Haft verbrachte, seien darin nicht berücksichtigt und damit auch nicht dessen psychische Probleme.

Die Hehlerei räume sein Mandant ein, er habe das Geld benötigt, um seine Drogensucht zu finanzieren. Als Jochen Fleischer sich direkt an den Kosovaren wendet, ob das auch stimmt, meldet der sich erstmals zu Wort: "Ja, ja".

Nach diesem Vorspiel wird die Verhandlung mit der Zeugenvernehmung zum Einbruch in Eigenzell fortgesetzt. Die Bewohnerin, eine 72-jährige Witwe, ist am Abend des 31. Oktober 2018 in der Küche beschäftigt. Es ist Halloween, Kinder klingeln und wollen "Süßes oder Saures", die Frau bereitet Essen vor, weil sie noch Gäste erwartet. Erst als ihr Sohn nach Hause kommt, verlässt sie die Küche und entdeckt, dass jemand in der Wohnung war: Bilder, Antiquitäten, Bargeld und Wertsachen sind weg, Schränke durchwühlt. Es fehlt ein Gemälde des "Alten Fritz", das der Sohn erst kurz zuvor für 14 500 Euro gekauft hat. Und es fehlt eine goldene Rolex-Uhr des verstorbenen Vaters, sie ist 31 000 Euro wert. Die Auswahl des Diebesguts lässt die Frau vermuten, dass sich da jemand in der Wohnung ausgekannt haben muss. Täterspuren findet die Polizei nicht.

Die Antiquitätenhändler der Umgebung werden alarmiert. Tatsächlich versucht ein junges Paar bei Albert Maier Teile des Diebesguts zu verkaufen. Die Hehler hinterlassen sogar ihre Kontaktdaten. So kommt die Polizei auf die Wohnung der Angeklagten in Crailsheim.

Auf dem Handy der Frau findet die Polizei ein Bild von einer Rolex. Laut Besitzer ist es die aus Eigenzell, über 31 000 Euro wert. Ihr Handy habe sie auch Freunden zur Nutzung gegeben, sagt die Angeklagte dazu. Und ihr Zimmer, in dem die Polizei unter anderem die Tatwaffe von Crailsheim fand, eine Schreckschusspistole, Marke Reck Miami, nutze auch ihr jüngerer Bruder.

Reichen die Indizien für eine Sicherungsverwahrung des Kosovaren, der bereits vor Jahren als Serienstraftäter zu langjähriger Haft verurteilt wurde? Der Staatsanwalt hat das zu Prozessbeginn gefordert.

Am Ende teilt Richter Jochen Fleischer mit, das Verfahren zum Tatkomplex 1, Pennymarkt Essingen, werde nach Paragraf 154 StPO vorläufig eingestellt. Zum Antrag des Verteidigers auf Einstellung und Abtrennung des Verfahrens gegen die Frau, sagt Fleischer: "Wir denken noch darüber nach."

Die Verhandlung wird am 14. Oktober um 9 Uhr fortgesetzt.

So verlief der erste Verhandlungstag: Brutales Vorgehen, minimale Beute

So verlief der zweite Verhandlungstag:  Die Angeklagte packt aus  

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