Wie es in der DDR wirklich war

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Rainer Eppelmann
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Der Pfarrer und Politiker Rainer Eppelmann spricht über die DDR, wie es zum Fall der Mauer kam und erklärt, warum es sich lohnt, Demokratie zu verteidigen.

Ellwangen

Eine Sternstunde deutsch-deutscher Geschichtsbetrachtung veranstaltete die Bezirksgruppe der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und das Bundessprachenamt mit dem Vortrag des DDR-Oppositionellen Rainer Eppelmann. Der Berliner Pfarrer, der ins Gefängnis kam, weil er den Dienst an der Waffe verweigert hatte, wurde kurzzeitig sogar Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR. Der ältere Herr mit Glatze sprach so anschaulich und eindringlich über den realen Sozialismus, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer im Olgasaal der Kaserne zwei Stunden mucksmäuschen still waren, um ja kein Wort zu verpassen.

Eppelmann hatte so einiges zu sagen, weil er unter dem DDR-Regime einiges auszuhalten hatte. "Et is n Wunder, wie et jetzt is" begann der Mann, der hofft, seinen 93. Geburtstag erleben zu dürfen, weil er dann zu seiner Frau sagen kann: "Heute lebe ick ein Jahr länger in der Demokratie, als ick in der Diktatur jelebt habe."

"Im Februar 1943 bin ick geboren, da fielen in Berlin die meisten Bomben", sagt er und erwähnt den "Deal" der Amerikaner mit den Russen, Teile des besetzten Thüringens gegen Westberlin zu tauschen. "Jottseidank, denn ohne Westberlin hätte die ostdeutsche Jeschichte janz anders ausjesehen". Eppelmann schildert, wie Ulbrichts Regime die Jugendarbeit zur Parteisache machte. Nur Pioniere und FDJ durfte es geben, wer nicht mitmachte, musste mit Restriktionen rechnen. So wie der junge Rainer Eppelmann, dem der Besuch der Oberschule versagt wurde. Er ging dann auf ein Gymnasium in Westberlin, denn die Grenze war ja noch offen. "Am 13. Aujust 1961 entschied der Ulbricht, dat ick jenug jelernt hätte", skizzierte Eppelmann den Tag, an dem die Mauer in Berlin geschlossen wurde. Der 18-Jährige wurde Dachdeckergehilfe und später lernte er Maurer.

"Wat is der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie?" Die rhetorische Frage unterbricht immer wieder die Erzählung, die Antwort gibt. "Am 13.8. begriffen wir: wir sind nich mehr Untertanen sondern Leibeijene." Den vier Millionen, die erfolgreich fliehen konnten, stellt Eppelmann die anderen gegenüber, die blieben. "Wir reisten jeden Abend aus, dank ARD und ZDF, außer die Dresdener und ein paar auf Rüjen, die kenen Empfang hatten."

Die alltägliche Lüge für den Machterhalt sieht der Redner als Kennzeichen der Diktatur. Und den Rückzug der Menschen in das Unpolitische. "Doch wer sacht, ick misch mir nich ein, handelt och politisch. Aber der unterstützt die Falschen." Seit 1979 veranstaltet Eppelmann, da ist er bereits Pfarrer, in der evangelischen Samariterkirche in Berlin die "Bluesmessen". Musiker, die sonst nicht singen durften, was sie wollten, spielten im Gottesdienst und die jungen Leute kamen bald zu Tausenden, um in der Kirche die Musik zu hören.

Auch die Kirchen müssten politisch denken und handeln, ist seine Überzeugung: "Demokratie und Kirche leben davon, dass wir unsere Meinung äußern". Aus den Bluesmessen und den Friedenskreisen, die sich in 80-er Jahren in den Kirchen bildeten, weil es die einzigen Räume waren, wo freie Meinungsäußerung möglich war, wurden die Montagsdemos und der gewaltfreie Widerstand, der das DDR-Regime schließlich zu Fall brachte.

Nein, eine protestantische Revolution sei es nicht gewesen. "Aber wir haben die Keimzelle sich entwickeln lassen", sagt Eppelmann, der den Demokratischen Aufbruch (DA) mitgründete, die Partei, die bei den ersten und letzten freien Wahlen der DDR antrat, deren Vorsitzender jedoch kurz vor dem Wahltag als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde. Eppelmann wurde trotzdem in die Volkskammer gewählt und wurde Minister für Abrüstung und Verteidigung im Kabinett von Lothar de Maziere. Für die CDU war er später, von 1990 bis 2005 Mitglied des deutschen Bundestags.

"Wat wir Deutschen in den letzten 30 Jahren jeleistet haben, war n Wunder", sagt der Redner und endet mit dem Aufruf, die Demokratie zu schützen und zu verteidigen.

Gerhard Ziegelbauer (l.) und Rainer Eppelmann

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