Zweiter Verhandlungstag: Die Angeklagte packt aus

  • Weitere
    schließen
+
Landgericht Ellwangen. Archivfoto
  • schließen

Die 30-Jährige, die wegen Beihilfe zum bewaffneten Raub und Hehlerei angeklagt ist, macht Angaben zur Sache.

Ellwangen

W

er ist wie tief in die Überfälle auf den Pennymarkt in Essingen, den Lidl in Crailsheim, die VR-Bank in Jagstzell verstrickt, wer hat wieviel Schuld an den Wohnungseinbrüchen in Eigenzell und Crailsheim? Am zweiten Verhandlungstag kündigt der Anwalt der 30-jährigem Angeklagten an, dass seine Mandantin aussagen will. Sie werde den Vorwurf der Hehlerei zugeben, den Vorwurf der Beihilfe, der sich unter anderem auf einen DNA-Treffer an einer Zigarettenkippe in Jagstzell gründet ablehnen. Der dortige Parkplatz sei von ihr häufig zur Raucherpause aufgesucht worden.

Daraufhin erzählte die junge Frau dem Gericht eine nur in Teilen glaubhafte Geschichte: Im Dezember 2018 seien sie und der Angeklagte, mit dem sie liiert war, in einer Kneipe in Aalen von zwei Fremden angesprochen worden, ob sie vorübergehend ein paar Sachen bei sich aufbewahren könne. Sie willigte ein und übernahm Diebesgut, unter anderem aus dem Wohnungseinbruch in Eigenzell. Es sei ihr klar gewesen, dass es sich um Diebesgut handelt. "Das war naiv, ich habe das schnell bereut", sagt sie. "Ich wollte das Zeug schnell wieder loswerden". Sie versuchte die Dinge bei Antiquitätenhändlern der Region zu verkaufen.

Diese Aussage deckt sich nicht ganz mit dem, was sie bei der Polizei mitgeteilt hatte. Richter Jochen Fleischer hält ihr vor, sie habe damals gesagt, die Hehlerware sei schon bei ihr gewesen, bevor sie den Kosovaren kennengelernt hatte. Auch dass unbekannte Waren übergeben, ohne Telefonnummern für eine spätere Rückgabe auszutauschen, sei unglaubwürdig. Dass von ihrem Handy ein Foto von einer gestohlenen Rolex-Uhr verschickt wurde, wie die Polizei festgestellt hat, daran kann sie sich nicht erinnern. Sie habe viele Bekannte, die ihr immer wieder Fotos von Schmuck oder Taschen schicken, sagt sie aus.

Von dem Raubüberfall in Jagstzell im Februar 2019 habe sie erst aus den Medien erfahren, sagt die Angeklagte aus. Den Parkplatz, auf dem man ihre DNA-Spur gefunden hat, habe sie oft aufgesucht. Wenn sie auf der Fahrt zwischen Arbeit und Wohnung und der Wohnung des Freundes Handynachrichten beantwortete, habe sie dort gehalten und eine Zigarette geraucht.

Oberstaatsanwalt Jörg Böhmer hält ihr eine ältere Aussage vor, wonach sie in Jagstzell eigentlich nur am Nettoparkplatz angehalten habe.

Den Kosovaren habe sie Mitte Januar 2019 kennengelernt, sie habe gewusst, dass er auf der Flucht war, dass er sich in Deutschland nicht aufhalten darf. Der 25-jährige war abgeschobener Asylbewerber. Von Vorstrafen habe sie nichts gewusst, auch von Drogenkonsum wisse sie nichts. "Härtere Sachen als Gras hat er vor mir nicht genommen", meint sie. Er sei sehr ruhig gewesen, habe wenig gesprochen, sei nie aggressiv geworden", beschreibt sie seinen Charakter. Seine Freizeit habe er mit Fernsehen in ihrer Wohnung verbracht. In der Wohnung hat die Polizei später verschiedene Utensilien und Spuren von Drogen gefunden worden. Die seien vom Vater gewesen, der in derselben Wohnung lebte ebenso wie der Bruder, sagt die Angeklagte. Die Tatwaffe habe in ihrem Zimmer gelegen, sie habe gedacht, sie sei von ihrem Bruder.

Am Nachmittag sagt der Bankangestellte aus, der im Januar 2019 am Hintereingang der VR-Bank-Filiale überfallen wurde. Es war halb acht am Morgen, noch dunkel, er wollte soeben die Tür aufschließen, als ein Mann im Jogginganzug mit gezogener Waffe und mit einem Schal vermummt, hinter ihm steht und "Aufschließen" verlangt. Der Überfallene erklärt noch: "Das bringt nichts, ich komme alleine nicht an Geld!" Dann hört er wie die Waffe entsichert wird. Er denkt sich: "mit der Person gehe ich nicht in die Bank" und wirft den Schlüsselbund in hohem Bogen ins Gebüsch. "Das war ein Reflex", sagt er im Zeugenstand. Anschließend spürt er einen Schlag gegen den Hinterkopf, stürzt zu Boden und hört einen Schuss. Dann ist alles still. Der Banküberfall ist gescheitert, der Räuber hat nur die Tasche des Bankmitarbeiters mit Handy und Geldbeutel mitgenommen. Heute gehe er nur noch über den gut einsehbaren Vordereingang in die Bank und nicht mehr so früh vor den anderen Mitarbeitern, erklärt der Zeuge, der bei dem Überfall keine größeren Verletzungen erlitt. 

Die Spurenlage bei diesem Überfall ist recht dünn. Gefunden wurde später von einem zweiten Bankmitarbeiter die Patronenhülse. Die Polizei sicherte Fußspuren im Schnee von der Bank bis zu dem Parkplatz, wo auch die Zigarettenkippe mit der DNA-Spur der Angeklagten gefunden wurde und das Reifenprofil des mutmaßlichen Täterfahrzeugs. Das Profil passte zu den Reifen am Fahrzeug der Angeklagten.

Ein Polizeibeamter, der als Zeuge aussagt, berichtet auch, wie man auf den Kosovaren aufmerksam wurde. Sein Name fiel in einem Chat nach einem Überfall in der Hofäckerstraße in Aalen im September 2018. Überwachungsmaßnahmen gegen die beiden Angeklagten wurden eingeleitet aufgrund von Indizien nach dem versuchten Banküberfall in Jagstzell. Sie führten letztlich auch zur Festnahme des Kosovaren an einer Crailsheimer Tankstelle.

Der Bericht zum ersten Verhandlungstag: Brutales Vorgehen, minimale Beute

Mehr zum Thema

Der Angeklagte am ersten Verhandlungstag.

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

WEITERE ARTIKEL