Wie Bauern den Klimawandel aufhalten können

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Herbert Ullrich erklärt den Landwirten, mit welchen Maschinen er schonende Bodenbearbeitung vornimmt, etwa mit dieser Kreiselegge.
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Beim Feldtag in Gerau erfahren rund 100 Landwirte aus ganz Süddeutschland, wie CO2 aus der Atmosphäre im Boden angereichert werden kann.

Stödtlen-Gerau

Landwirtschaft gilt in manchen Kreisen immer noch als eine Branche, die den Klimawandel beschleunigt. Fossile Energie für die Herstellung von Mineraldünger, Methanausstoß der Wiederkäuer, Ausgasung von Gülle auf dem Feld, weite Transporte von Ernte und Betriebsmittel und andere Faktoren werden als Begründung dafür angeführt.

Ganz andere Informationen gab es beim Feldtag in Stödtlen-Gerau, wo sich knapp 100 Landwirte trafen, um zu erfahren, wie sie Kohlenstoff in den Boden ihrer Felder dauerhaft einlagern können.

“Humusaufbau” ist das Stichwort, das die Agrarier ebenso wie die Klimaforscher zunehmend begeistert. Dass humushaltige Böden bessere Erträge ermöglichen, gesündere Pflanzen hervorbringen, mehr Wasser aufnehmen und auch halten können, ist allgemein bekannt. 

Doch wie funktioniert das genau mit dem Humusaufbau, wie lange bleibt der Kohlenstoff im Boden und was ist Humus überhaupt? 

Darüber sprach Lukas Kohl von “bodenbalance”, der an der Universität Gießen Bodenchemie und Humusaufbau erforscht und selbst Landwirt ist. 

Er vergleicht den Boden mit einem feinen Getriebe aus vielen Zahnrädern, die alle ineinander greifen müssen, wenn der Humusanteil steigen soll. “Analysen auf die drei oder vier wichtigsten Nährstoffe genügen nicht. Das ist viel zu ungenau”, sagt er.  Auch den pauschalen Verzicht auf Mineraldünger wie im Biolandbau praktiziert, hält Kohl für falsch. 

Um das System zum Laufen zu bringen, das die Bodengesundheit verbessert und Humus anreichert, müsse der Landwirt Nährstoffe, Spurenelemente und auch die Lebewesen im Boden im Auge behalten. Das Geflecht der Mykorrhizapilze, die in Symbiose mit den Pflanzenwurzeln leben, werde durch tiefe Bodenbearbeitung zerstört. Sauerstoff im Boden sei wichtig, Feuchtigkeit ebenso, weshalb Kohl für eine möglichst ganzjährige Bodenbedeckung durch Unter- und Zwischensaaten plädiert.

Gemessen wird der Humusanteil mit der Feuerprobe: eine bestimmte Menge Boden, getrocknet, zermahlen wird Feuer ausgesetzt. Weil Humus brennbar ist, ergibt sich die enthaltene Menge aus der Massendifferenz vor und nach dem Brennvorgang. 

Was ist eigentlich Humus? Laut Kohl besteht er ganz wesentlich aus toter organischer Masse, also winzig kleine Teile von Pflanzen und Tieren, die umhüllt von Ausscheidungen der Wurzeln lebender Pflanzen in sogenannten “Aggregaten” eingeschlossen sind. Diese Aggregate könnten sich bis zu 500 Jahre erhalten, bis sie schließlich abgebaut sind. “Tote Mikroorganismen sind der größte CO2 Speicher auf der Erde überhaupt”, erklärt Kohl. 


Dass Landwirte mit Humusaufbau neben besseren Erträgen und weniger Kosten für Mineraldünger auch noch Geld mit CO2-Zertifikaten verdienen können, erklärte Wolfgang Abler. Der Landwirt hat 2017 die Carbocert GmbH in Bodnegg gegründet, die Zertifikate als Emissionsgutschriften an Unternehmen verkauft. Immer mehr Industrie- und Handwerksbetriebe, Dienstleister und Banken seien bereit, lokale oder regionale Initiativen zur CO2-Einlagerung finanziell zu unterstützen, um den eigenen CO2-Ausstoß auszugleichen, berichtet er.

Für jede Tonne Humus, die ein Landwirt zusätzlich im Boden anreichert, bezahlt ihm Carbocert derzeit 30 Euro pro Jahr. Der Vertrag, der die regelmäßige Ermittlung durch GPS-genaue Bodenproben beinhaltet, hat eine Laufzeit von bis zu 20 Jahren. Bislang habe Carbocert 81 Landwirte mit rund 2500 Hektar unter Vertrag.


Der Humusaufbau ist nur ein Segment, in dem Carbocert die CO2-Einlagerung durch Landwirte zu Geld macht. Unter dem Stichwort “Agroforst” fördert Abler Agrarflächen, die mit Baumbestand kombiniert werden. Bei Agroforstflächen werden auf Äckern im Abstand von zwei Mähdrescherbreiten Streifen mit Laubbäume oder Hecken bepflanzt. Diese  mindern die Erosion durch Wind, tragen zur Artenvielfalt bei und die Beschattung schützt den Boden vor dem Austrocknen. Die tiefe Durchwurzelung und der Eintrag von Biomasse durch das Laub trägt zum Humusaufbau bei.

Weitere Geschäftsfelder von Carbocert sind der Umbau von Fichtenwald und die Weiterbildung von Landwirten.

Auf den Feldern von Herbert Ullrich, Johannes Maier und Christoph Uhl konnten sich die Teilnehmer des Feldtags anschauen, wie Humusaufbau in der Praxis funktioniert. Die drei nehmen bereits seit mehreren Jahren an dem Programm teil und haben nachweislich Humus in beachtlichem Umfang aufgebaut. Die Erträge sind überdurchschnittlich bei reduzierter Düngung. Die Böden sind natürlich fruchtbarer, klimaresilienter und ertragsstabiler.

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