Von Kiew nach Hohenberg: Wie sich sechs Geflüchtete eingelebt haben

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Berthold Nader, Svetlana, Alexandra und Egor Nicitchuk, Walter Nader, Zlata und Alexander Barabash, Karin Nader und Anna Barabash (v.l.) im Wohnzimmer in Hohenberg. Nicht im Bild: Thekla Nader.
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Familie Nader aus Hohenberg hat sechs aus Kiew geflüchtete Menschen aufgenommen. Die beiden Frauen mit ihren jeweils zwei Kindern berichten von ihren Erfahrungen.

Rosenberg-Hohenberg.

Als wir die Stadt unter den Explosionen verlassen haben, fühlten wir Angst und Schmerz für unser Land“, erinnert Svetlana Nicitchuk den Moment, als sie, ihre Schwägerin und die Kinder sich entschlossen haben, Kiew zu verlassen. Sie sitzt gemeinsam mit Schwägerin Anna Barabash am Küchentisch von Walter Naders Einliegerwohnung in Hohenberg, wo sie seit einigen Tagen untergekommen sind. Nun gilt es für die vom Krieg getrennten Familien die Hürden der deutschen Bürokratie zu überwinden. Dabei kriegen sie Hilfe von Karin, Berthold und Walter Nader sowie Thekla Nader.

Es war eine schlaflose Nacht, berichtet Anna Barabash von ihrer Flucht. „Wir mussten uns beeilen - wichtige Dokumente suchen und gehen.“ Ihr Ehemann sowie der Ehemann von Svetlana Nicitchuk sind in der Ukraine geblieben. „Sie bewachen jetzt die kleine Stadt, in der unsere Eltern leben“, sagt Svetlana Nicitchuk über ein Übersetzungsprogramm, „wir warten nun auf Frieden und darauf, dass sie zu uns kommen“.

Konto, Schule, WLAN

Damit sie bis dahin langsam in einen geregelten Alltag zurückfinden, unterstützen die Naders, wo sie können.

Und dabei auch die Hürden in Deutschland umschiffen. Für Anna Barabash etwa wurde ein Konto eingerichtet.

Benötigte beglaubigte Übersetzungen beauftragten die Naders bei einem Übersetzungsbüro.

Die Schulanmeldungen für die Kinder in Rosenberg liegen ausgefüllt auf dem Küchentisch. Im Flur sind Berthold und Walter Nader am Werk, um WLAN für Svetlana Nicitchuk, die mit gut 290.000 Followern eine erfolgreiche Bloggerin auf Instagram ist, und für ihre 20-jährige Tochter Alexandra, die Internet für ihr Studium braucht. Denn den Lehrbetrieb versucht die Universität in der Ukraine, trotz der schwierigen Umstände aufrechtzuerhalten.

„Wir sind Karin, Berthold und Walter sehr dankbar, dass sie uns so familiär aufgenommen haben“, lässt Svetlana Nicitchuk den Übersetzer verlauten. „Ich habe gestern meinem Mann gesagt, wem wir nun jedes Jahr schöne Weihnachten wünschen werden.“ 

Dankbarkeit und Respekt

Für die Naders ist helfen Herzenssache, die eigene Familiengeschichte ist von Flucht und Vertreibung geprägt. „Ich habe sie sehr gern, habe sie ins Herz geschlossen“, erzählt Karin Nader, „sie gehören dazu“. Es sei eine ganz neue Situation für die Familie aus Hohenberg, die Dankbarkeit der beiden Frauen und deren Kinder beeindruckt Karin Nader. „Ich zolle so einen Respekt vor diesen Frauen. Sie sind taff, richten ihren Blick immer nach vorn.“ 

Die sechs Geflüchteten fanden ihren Weg nicht direkt nach Hohenberg. Erster Stopp in Deutschland war in Wört bei Bekannten. Diese waren auf der Suche nach einer Unterkunft für die beiden Familien.  Familie Nader meldete sich - und legte los, die Wohnung bezugsfertig zu machen. Viel Arbeit in wenig Zeit, wie Berthold Nader berichtet. „Mir war es wichtig, dass alle ein Bett haben. Vielleicht kriegen wir nicht alles hin, aber das musste passen.“

Pläne und Ungewissheit

Svetlana Nicitchuk möchte weiterhin ihrer Tätigkeit als Bloggerin nachgehen, nebenbei versucht die 37-Jährige mit jahrzehntelanger Fitnesserfahrung, einen Nebenjob in einem Fitnessstudio zu finden. Anna Barabash, von Beruf Kosmetikerin, möchte ebenfalls schnell wieder Arbeiten. Beide möchten Deutschland und seine Menschen kennenlernen. „Wir lernen auch Deutsch“, berichtet Svetlana Nicitchuk. Wie es für die sechs Geflüchteten weitergehen soll, ist unklar. „Es ist im Moment schwer, zu planen“, sagt Svetlana Nicitchuk. „Wir lebten in Kiew und träumten davon, ein kleines Haus zu kaufen. Wir wollten, dass unsere Kinder studieren. Aber der Krieg machte die Pläne zunichte.“

Die Flucht der beiden Familien

  • In unserem Artikel „Aufbruch ins Ungewisse“ vom 5. März schilderten wir, wie Ralf Manherz mit einem kleinen privaten Hilfskonvoi aufbrach, um die Verwandten seines Arbeitskollegen, die Familien Nicitchuk und Barabash, in Sicherheit zu bringen. Die Familien Nicitchuk und Barabash haben es bis auf die beiden Männer geschafft. Weitere Verwandte sind in Rosenberg untergekommen.
  • Zudem brachte der kleine Hilfskonvoi, dem sich in Ungarn noch ein weiteres Monteursfahrzeug der SHW anschloss, in den verbleibenden Plätzen geflüchtete Ukrainer mit in den Ostalbkreis.
  • Wer nicht privat untergebracht werden konnte, fand Hilfe in der LEA. Dort kommen inzwischen täglich 50 bis 60 Menschen an, die vor dem Krieg fliehen. ⋌jku

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