Wenn der Rehrücken entzückt und das Blaukraut wie bei Oma schmeckt

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Inhaber, Chefkoch, Jäger und Angler: Franz Bolz jun.
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Im Seegasthof von Franz Bolz in Espachweiler gibt es die gehobene Küche ohne Überheblichkeit. Warum man sich für einen Besuch unbedingt Zeit nehmen muss.

Ellwangen-Espachweiler.

Dieses „Hier schmeckt’s“ beginnt persönlich, melancholisch und mit einem Moment. Als die Gabel mit dem Blaukraut meinen Mund berührt, funken die Geschmacksknospen auf meiner Zunge ein Bild an mein Gehirn. Ich sehe meine Großmutter mit blauroten Fingern am Herd stehen. Sie zwinkert mir zu. So wie sie konnte niemand Blaukraut machen. Ich stehe aber nicht in der Küche meiner Oma, sondern sitze im Seegasthof Espachweiler und freue mich wie ein kleiner Bub auf mein Essen.

Es tauchen an diesem Abend noch mehr Bilder vor meinen Augen auf. Koch Franz Bolz junior katapultiert mich bei jedem Gericht in eine wunderschöne Erinnerung. Obwohl ich eher ein geselliger Mensch bin und dieses Mal alleine an meinem Tisch in der gemütlichen Gaststube mit den hellen Holzmöbeln und den Geweihen an der Wand sitze, habe ich mit jedem Bissen die Familie an meiner Seite.

Wildentenbrust mit Schupfnudeln.

Mein Onkel (der Gruß aus der Küche): Wenn das Team um Franz Bolz einen Teller anrichtet, traut man sich nicht, das Bild mit dem Besteck zu zerstören. Mein Onkel nahm mich als 16-Jähriger zum ersten Mal in ein Sterne-Restaurant mit. Ich war beeindruckt vom Arrangement auf dem Teller, von der Qualität der Zutaten. Bolz serviert Wildentenbrust, mit Kürbis und Schupfnudeln, saisonalem Gemüse und als roten Farbtupfer eine Kapuzinerkresse. Was für ein Auftakt. Die Brust ist auf den Punkt und zartrosa. Ich sehe das Gesicht meines Onkels und höre seine Stimme. „Schmeckt es Dir?“, fragt er. Ich konnte schon damals nur nicken, weil ich den Geschmack so lange wie möglich im Mund halten wollte.

Jägersüppchen mit Madeira.

Meine Eltern (die Vorspeise): Ich wähle das Espachweiler Jägersüppchen mit Madeira. Ich weiß, dass Franz Bolz Jäger und Angler ist. Fleisch ist für ihn mehr als eine Ware. Die tiefbraune, dicke Suppe mit Zwiebeln, Pilzen, Lauch und Dill, dazu zarten Wildfleischwürfeln, lässt das Bild meiner Eltern vor mir auftauchen. Wir sitzen in einem Waldhotel. Draußen pfeift der Wind durch die Tannen, drinnen wärmen die Suppe und die Blicke der Eltern. Acht Jahre hintereinander haben wir Silvester in diesem Waldhotel verbracht.

Rehrückenfilet mit Kartoffelroulade und Spätzle.

Meine Frau (das Hauptgericht): Rehrückenfilet rosa gebraten, Steinpilzrahm, buntes Gemüse, Kartoffelrouladen, Spätzle. So ein Gericht muss eigentlich in trauter Zweisamkeit mit dem Blick auf den Partner genossen werden. Der Duft des Blaukrauts steigt mir sofort in die Nase. Erneut zögert die Gabel, dieses Kunstwerk an Kulinarik zu zerstören. Aber jeder Bissen steigert das Verlangen eine neue Kombination zu wählen. Jetzt einmal die Kartoffelroulade mit dem Reh und dem Spinat. Es beginnt eine schier unglaubliche Suche nach immer neuen Kombinationen. Ich höre die Stimme meiner Frau. „So etwas genießt Du ohne mich?“ Nur dieses Mal. Beim nächsten Mal nicht.

Nachtisch: Eine Kombination aus Rotweinzwetschgen, Mouse, Erdbeerkompott und Eis.

Meine Kinder (der Nachtisch): „Nachtisch geht immer“, sagen meine Kinder. Ich bin eigentlich satt. Auf dem Teller liegen Rotweinzwetschgen, Vanilleeis, Erdbeermark und Tiramisu. Es gibt Schokoladen- und Vanillemouse und Beeren. Ich sehe meine Töchter, wie sie eiligst zur Dessertgabel greifen und jede für sich versucht, die Hoheit über den Nachtisch zu erlangen. Ich sehe sie verschmitzt lachen, wenn eine der anderen den letzten Bissen vor der Nase wegstibitzt hat. Als ich aus dem Tagtraum erwache, ist der Teller leer.

Fazit: Was für ein Abend. In den Seegasthof sollte man nie zur schnellen Mahlzeit gehen. Die Bedienung ist so sorgsam, dass man am liebsten das Köpfchen in ihre Hände legen möchte. Der Gastraum ist so behaglich, dass am Ende das Aufstehen schwer fällt. Dort ein Kissen, da eine flackernde Kerze. Okay, zumindest meine Gerichte hatten ihren Preis. Der Rehrücken kostete 36,90 Euro. Dafür gibt es Qualität, Ambiente, Gaumenexplosionen und zumindest für mich nur schöne Erinnerungen.

 

Hier schmeckt's

Adresse: Seegasthof Espachweiler, Bussardweg 1, Ellwangen-Espachweiler, Tel.: 07961-7760.

Besonders beliebt: Rostbraten mit geschmelzten Zwiebeln, Spätzle, Salatteller.

Das Schmankerl: geräucherte Forellenfilets aus der eigenen Zucht.

Das teuerste Gericht: Für das Rehrückenfilet am Stück mit Gemüse, Kartoffelroulade und Spätzle bezahlt man 36,90 Euro.

Das günstigste Gericht: Espachweiler Jägersüppchen mit Madeira oder kleines Schnitzel mit Pommes: 6,90 Euro.

Sitzplätze: Innen 120 und auf der überdachten Terrasse draußen 80.

Öffnungszeiten: 11 bis 14:30 Uhr und 17 bis 22 Uhr, sonntags durchgehend geöffnet, donnerstags und freitags Ruhetag, warme Küche von 11.30 bis 13.45 Uhr und 17.30 bis 20.30 Uhr, sonntags bis 20 Uhr.

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