Schweinestau drückt die Züchter

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Tobias Schirrle züchtet Ferkel für die Schweinemast.
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Mastschweine stauen sich wegen eingeschränkter Schlachtkapazitäten und weggebrochener Exportmärkte in den Ställen. Das ruiniert die Ferkelpreise. Ein Gespräch mit Tobias Schirrle.

Wört-Schönbronn

Bei den Schweinehaltern herrscht Krisenstimmung. Die Erzeugerpreise für Schweinefleisch auf einem Tiefpunkt, die Ferkelpreise ebenso. Am Markt drückt ein Überangebot, seitdem deutsches Fleisch aufgrund der afrikanischen Schweinepest in Asien nicht mehr abgenommen wird. Coronabedingt sind Schlachtkapazitäten begrenzt, schlachtreife Schweine "stauen" sich in den Mastbetrieben. Die Futterkosten steigen, die Erträge fallen. Weil die Schweinefleischproduktion in Deutschland arbeitsteilig und "just in time" organisiert ist, wirkt dieser Stau auf die Schweinezüchter zurück. Wir sprachen mit Tobias Schirrle, dessen Betrieb in der Serie "Das Leben eines Ostalbschweins" vorgestellt wurde.

Schwäbische Post: Wie wirkt sich der Schweinstau bei ihnen aus? Haben Sie immer noch 250 Muttersauen im Stall?

Tobias Schirrle: Wir haben die Produktion nicht gedrosselt, ich will auch nicht aufhören wie viele andere Schweinezüchter. Der Ferkelpreis ist ruinös, liegt bei 26 Euro, war sogar schon bei 23 Euro. Zu dem Preis kann man nicht mehr produzieren.

Und trotzdem haben Sie den Bestand nicht reduziert? Wie das?

Unsere Ferkel gehen an Mäster, die regionale Metzger beliefern. Bei Qualitätsfleisch ist die Nachfrage gut, teilweise sogar besser als vor der Krise.

Dann sind Sie vom "Schweinestau" nicht betroffen?

Was den ruinösen Preis angeht schon, aber unsere Produktion konnte ich immer absetzen. Nur einmal fiel für eine Gruppe von 150 Ferkeln der Abnehmer aus.

Was macht man in einer solchen Situation?

Man sucht fieberhaft nach einem Käufer, denn die Tiere werden jeden Tag größer, fressen und fressen, verursachen Kosten und belegen die Buchten, die man schon für die nächsten Ferkel braucht. Und dann melden sich Mäster, die auf solche Notlagen spekulieren und bieten zehn Euro. Das habe ich aber zurückgewiesen. Später habe ich noch Bauern gefunden, die halbwegs anständig bezahlten. Aber verdienen kann man im Moment nicht. Wir leben von den Rücklagen, von Anfang 2020 als ein Ferkel noch über 60 Euro brachte.

Wie lange halten Sie diese Situation noch durch?

Der zyklische Markt ist in der Schweineproduktion nicht neu.

Tobias Schirrle Schweinezüchter

Ich werde jetzt nicht aufgeben, der zyklische Markt ist in der Schweineproduktion auch nicht neu. Unsere Schweine werden auch wieder mehr bringen werden, der Preis steigt schon leicht. Viele Kollegen hören auf, auch größere als wir. Das liegt nicht nur an dem Preistief sondern weil neue Auflagen gelten.

Welche sind das?

Die Düngeverordnung zum Beispiel. Wir haben auch investieren müssen. Und das Verbot der Kastration ohne Narkose. Seit Januar muss jedes Ferkel dazu betäubt werden, mit Inhalation oder Injektion. Dazu braucht man einen Tierarzt, das kostet Geld und das ist schlecht für Bauer und Ferkel.

Wie läuft die Kastration bei ihnen jetzt ab?

Die Inhalationsbetäubung lehne ich rundweg ab. Das Mittel, Isofluran, ist in der Humanmedizin nicht mehr zugelassen, weil es Nieren und andere Organe schädigt. Ich wäre jede Woche über Stunden dem Mittel ausgesetzt. Mein Tierarzt macht jetzt die Injektionsbetäubung mit Ketamin. Allerdings sind die ersten Erfahrungen auch nicht befriedigend.

Warum?

Es gibt Ferkel, drei von 100, die wachen aus der Betäubung nicht mehr auf. Und das sind schöne Tiere, denen man äußerlich nicht ansieht, dass irgendetwas nicht stimmt. Das Verfahren verursacht deutlich mehr Aufwand. Die Ferkel brauchen zur Betäubung noch ein Schmerzmittel, sie müssen in der Aufwachphase geschützt werden, damit sie sich nicht unterkühlen oder von der Muttersau erdrückt werden.

Zusätzliche Kosten ausgerechnet jetzt, wie können Sie das betriebswirtschaftlich stemmen?

Mein Absatz ist über Verträge gesichert, der Preis ist durch Zuschläge für genfreie Produktion etwas höher. Ich zertifiziere meinen Betrieb für die Initiative Tierwohl, das bringt vier Euro mehr pro Ferkel. Allerdings auch mehr Kontrollen, unangemeldet. Dazu muss man bereit sein. Zudem habe ich ein zweites Standbein in der Pferdehaltung. Da habe ich mehr Plätze geschaffen. Und ich habe eine Lagerhalle gebaut, um mehr Getreide als Futter einlagern zu können. Mit Photovoltaik zur Eigennutzung, das senkt die Betriebskosten.

Sie glauben also, dass sich die Schweinehaltung bald wieder rechnen wird?

Ich bin überzeugt, dass die Nachfrage nach Schweinefleisch nicht so schnell verschwindet. In China, USA und anderen Staaten werden derzeit extreme Kapazitäten aufgebaut. Diese Länder werden bald das Billigfleisch liefern. Aber die qualitätsbewussten Abnehmer, Metzger, Gastronomie, Verbraucher werden regionale Produktion bevorzugen. Wenn die Besamung und die Abferkelungen auch über kurze Zeiträume noch im Kastenstand verboten werden und ich meine Schweinehaltung komplett umkrempeln müsste, dann wäre für mich vielleicht auch die Grenze erreicht.

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