Das ist Naturschutzanarchie

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Dunkle Wolken über dem Naturschutzgebiet Weiherwiesen: Nicht alle Besucherinnen und Besucher beachten die Regeln, die für dieses Areal gelten. Der Hauptweg in Nord-Süd-Richtung zwischen den beiden Weihern ist nun von einer Leitschnur eingefasst – ähnlich der im vergangenen Jahr aufgebauten Leitschnur nördlich des kleinen Weihers. Archivfoto: jhs
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Die Coronakrise zieht Menschen noch mehr ins Freie, auch zu den Weiherwiesen bei Essingen. Warum dieser Trend gute und bedenkliche Seiten hat.

Essingen

Sie stiefeln mitten durchs Naturschutzgebiet oder setzen sich mit Gartenstühlen in die Wiese: Nicht alle Besucherinnen und Besucher der Weiherwiesen haben es mit dem Naturschutz – trotz Hinweisschildern vor Ort. Vor Kurzem wurde daher die Besucherlenkung erneut verändert. Der Hauptweg in Nord-Süd-Richtung zwischen den beiden Weihern wird nun von einer Leitschnur eingefasst. Doch warum ist das Gebiet schützenswert? Und welche Konflikte gibt's dort?

Der Schwäbische Heimatbund, kurz SHB: "Das ist die pure Naturschutzanarchie", sagt Dr. Bernd Langner, Geschäftsführer des SHB, über die Geschehnisse an den Weiherwiesen. Eigentlich dürfen die Wege dort nicht verlassen werden. "Insbesondere seit Corona beobachten wir, dass dort Schleichwege genutzt werden." Und: In unterschiedlichen Publikationen seien Wege ausgewiesen, die quer durch die geschützte Fläche führen und nicht mit dem SHB abgesprochen seien, sagt Langner.

Auch von der Loipe ist der Naturschützer nicht begeistert. "Wir wussten nicht, dass die Loipen seit Jahren durchs Naturschutzgebiet verlaufen." Bei einer Schneehöhe von zwei Metern sei dies kein Problem. Bei weniger Schnee nehme die Natur Schaden. "Es dauert Jahre, bis sich eine Fläche regeneriert." Der SHB-Geschäftsführer hätte sich dazu den Dialog mit der Gemeindeverwaltung Essingen gewünscht – dazu sei es bisher nicht gekommen. "Gemeinsam könnten wir für die Zukunft einen möglichen Weg für die Loipe suchen", sagt er.

Und was wäre, wenn der SHB das Areal einzäunt, das Betreten verbietet? "Die Natur einzuzäunen, ist wie den Tiger in der Wilhelma einzusperren." Es gehe dem SHB nicht darum, die Natur wie ein "Freilichtmuseum" zu behandeln und Menschen fernzuhalten. "Wir wollen die Schönheit der Flora und Fauna zeigen, und das geht nur, wenn man sich an Regeln hält", betont Langner. Das klappe nur, wenn bei allen Beteiligten der Wunsch besteht, Naturschutz über andere Interessen zu stellen.

Was macht das Gebiet besonders? Ralf Worm, Geschäftsführer des Landschafterhaltungsverbands, erklärt's: In dem Schutzgebiet gibt's seltene Pflanzen und Tiere, die Teufelskralle, das Sumpfveilchen, die Trollblume, der Wachtelkönig oder die Winterlibelle etwa, wie Worm erklärt. Auch spezielle Moorarten gebe es dort. Die Pflanzen seien trittempfindlich, die Tiere könnten vom Mensch gestört werden.

Die Natur einzuzäunen, ist wie den Tiger in der Wilhelma einzusperren.

Dr. Bernd Langner Geschäftsführer SHB

Geologisch seien die Weiherwiesen interessant. Der Boden auf der Alb besteht aus Kalk. Eigentlich. Nicht so bei den Weiherwiesen. "Vor 30 Millionen Jahren fand dort durch starken Regen eine massive Kalkauswaschung statt", erklärt Worm. Feuersteinlehme kommen dort vor und der Boden ist geeignet für säureliebende Pflanzen. "Hier ist die Vegetation völlig anders als an anderen Orten auf der Schwäbischen Alb."

Auch Worm fällt auf, dass das Querfeldeinlaufen zunimmt. Vom Regierungspräsidium (RP) habe der Landschafterhaltungsverband daher die Anordnung bekommen, die Leitschnüre anzubringen. Bringt's etwas? "Wir haben auch schon früher mit der Gemeinde eine Lenkung gemacht, die hat sehr gut funktioniert", sagt Worm.

Wie sieht Wolfgang Hofer die Sache? Auch Essingens Bürgermeister Wolfgang Hofer ist nicht entgangen, dass manche Wege rund um die Weiherwiesen "breiter und breiter" werden. Im Rahmen der Remstal-Gartenschau habe die Gemeinde beschlossen, dass in Sachen Besucherlenkung etwas passieren muss. Nach Gesprächen mit dem RP habe sich das Spannen der ersten Leitschnur als gute Lösung herausgestellt. Wenn die Situation schlimmer werde, wolle die Gemeindeverwaltung erneut reagieren. Für Hofer ist die Loipe kein Problem. "Diese gibt's seit Jahrzehnten und die Langläufer fahren auf ihrer Spur – wenn es überhaupt einen Winter gibt", sagt er. Gespräche mit dem SHB seien aus seiner Sicht bisher nicht notwendig.

Der Schwäbische Heimatbund hat einen Großteil der Flächen seit 1960 erworben und vor der Aufforstung gerettet. Seither wird das Gebiet mit Naturschutzmitteln gepflegt und ist seit 1978 als Naturschutzgebiet "Weiherwiesen" unter Schutz gestellt. Baden, Angeln, Sport und offenes Feuer dort nicht erlaubt.

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