Der letzte Mohikaner im Rat

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Rechtsanwalt Professor Dr. Dieter Bolten ist rückblickend froh, dass er damals in Essingen ein Haus gebaut hat. Von seinem Balkon hat der stellvertretende Bürgermeister eine traumhafte Aussicht auf Essingen.
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Professor Dr. Dieter Bolten ist seit 40 Jahren Gemeinderatsmitglied. Ein Gespräch über die vergangenen vier Jahrzehnte, das Reisen, Essingen und die Kommunalpolitik.

Essingen

Als er vor 42 Jahren das erste Mal nach Essingen fuhr, wollte er sofort wieder umkehren. "Ich war auf der Suche nach einem Bauplatz und bin aus dem Großraum Stuttgart gekommen, Essingen war für mich damals tiefste Provinz", sagt Professor Dr. Dieter Bolten.

Aber wie das Leben so spielt, baute Bolten mit seiner Frau wider Erwarten in der Gemeinde an der Remsquelle ein Haus, gründete eine Familie.

Inzwischen fühlt sich der 79 Jahre alte Diplom Volkswirt und Jurist dort nicht nur wohl, sondern ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Das hat mit seinen vier Jahrzehnten in Essingens Gemeinderat zu tun. "Die Jahre sind wie im Flug vergangen", sagt Bolten, der für die Stelle als Geschäftsführer von Südwestmetall in die Region kam.

Pingelig und kritisch

In den Gemeinderatssitzungen ist Bolten keiner, der klein bei gibt, der mit dem Strom schwimmt. Die Sitzungsunterlagen müssen nicht selten wegen seiner Anmerkungen geändert werden. "Ich kritisiere manchmal, bin pingelig und ein Wortklauber. Aber bei mir als Jurist geht es ums Wort", gibt der Vater von drei Kindern und Opa von neun Enkeln zu.

Spulen wir 40 Jahre zurück. Wie kam es zu Boltens Engagement in der Lokalpolitik? "Als Großstadtmensch dachte ich mir, als ich nach Essingen zog: Jetzt geh ich raus, sonst versauere ich hier."

Gesagt, getan. Nach diesem Beschluss schaffte er es nicht nur mit einer Stimme mehr als der damalige Favorit in Essingens Gemeinderat, sondern wurde auch Elternbeiratsvorsitzender, Kirchengemeinderatsmitglied, Kreistagsmitglied, Professor und, und, und. In wie vielen Vereinen Bolten Mitglied ist, kann der Mann, dessen Credo "Zeit hat man, wenn man sie sich nimmt" ist, selbst kaum sagen. Fest steht: Es sind einige.

Ein Leben im Paradies

Essingen war für mich tiefste Provinz.

Prof. Dr. Dieter Bolten Gemeinderatsmitglied

Wenn sich Bolten nicht in diesen Breitengraden engagiert, ist er auf Achse. "Ich reise seit 60 Jahren", sagt der Wahlessinger. Er war zelten am Nordkap, ist durch Kuba gereist, hat Kambodscha und Indien besucht, war auf Island, ... – Boltens Reiseliste ist schier endlos.

Wenn er unterwegs ist, sei er topfit, betont das Gemeinderatsmitglied. In Kamerun auf dem Boden schlafen? Um 6 Uhr morgens aufbrechen? Für den 79-Jährigen kein Problem. Da ist die Auswahl der Reisefotos fürs Album schon problematischer. "Ich mache immer 3000 bis 4000 Fotos. Daraus die besten auszuwählen ist eine Herausforderung", gibt er zu.

Sein Fotosammelsurium präsentiert Bolten auf Vorträgen, die Einnahmen spendet er an Entwicklungs- oder Missionsprojekte. "Ich will den Leuten bei den Vorträgen eine Botschaft vermitteln", sagt er. "Wir leben hier im Paradies und merken es gar nicht." Er sammle auch Schulranzen für Togo, erzählt der Jurist, der während der Corona-Krise Dokus im Fernsehen für sich entdeckt hat. Und: Er telefoniert mit zig Seniorinnen und Senioren, damit diese nicht vereinsamen.

Zurück zum Gemeinderat. Was schätzt Bolten an diesem? "Dass Parteipolitik kaum eine Rolle spielt, jeder jeden kennt und wir alle in einem Boot sitzen." Spaß habe ihm die Ratsarbeit nicht immer gemacht, trotzdem war er mit Freude dabei. "Das Leben ist keine Spaßveranstaltung, man muss auch mit Tiefschlägen umgehen können", sagt das Fraktionsmitglied der CDU/Freie Bürger Essingen.

Weitere 40 Jahre im Gemeinderat wird Professor Dr. Dieter Bolten kaum schaffen. "Interessant wäre es aber", sagt der Essinger. "Ich bin gespannt, ob man Lehren aus der Krise zieht und wie sich die Gemeinde entwickelt."

Für Bolten steht bereits jetzt fest, dass er bei der Wahl in vier Jahren nicht mehr antritt. "Ich bin der letzte Mohikaner im Rat", sagt der 79-Jährige auf sein Alter bezogen und fügt an "ich habe den Zenit überschritten".

Die Entscheidung, nach Essingen zu ziehen, bereut er nicht. "Hier ist es lebenswert."

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