Ein „Stückle“ Einklang mit der Natur

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Im Garten von Brunhilde Wiedmann sind Bienen ausdrücklich willkommen Foto: Werner Volmari
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Trotz ihres hohen Alters ist für Brunhilde Wiedmann der Garten immer noch Freude, keinesfalls Pflicht.

Essingen

Brunhilde Wiedmann steuert den kleinen Kombi hinaus aus Essingen, fährt über schmale Feldwege in Richtung Wald und stoppt dann vor einem eisernen Türchen. Dahinter türmt sich ein üppiger Garten den Hang hinauf, „mein Stückle“ sagt die 85-jährige, die von Vogelgezwitscher empfangen wird. Es ist früher Nachmittag und es ist heute bereits ihr zweiter Besuch hier. „Wenn es so heiß ist, dann muss man halt mehrmals täglich gießen“, so die Seniorin. Das Wasser dafür kommt aus der Regentonne, denn auf dem „Stückle“ gibt es weder Wasser- noch Stromleitungen.

Mit der Gießkanne geht Wiedmann durch die Beete, auf halber Höhe die Blumen, weiter unten Gemüse, oben noch die Sträucher, auch dazwischen ist kaum ein Fleckchen Erde unbepflanzt. Sie ist flotten Schrittes unterwegs, doch es dauert, bis auf den rund 1 400 Quadratmetern alles versorgt ist. „Vielleicht muss ich heute sogar am Abend nochmal her“, überlegt sie laut und das klingt keinesfalls gestresst, sondern überaus fröhlich. „Es gibt immer was zu tun“, sagt sie lachend, „das ist in meinem Alter auch gut so, das hält fit!“ Und ja, sie gönne sich durchaus hier draußen auch mal eine Pause.

Meist nutzt sie dafür den schattigen Platz vor der „Wilhelmsburg“, dem Gartenhaus auf der Anhöhe, so benannt nach ihrem verstorbenen Ehemann. „Er hat mir das alles geschenkt“, sagt sie mit auslandender Geste, „einfach so, weil ich Freude an der Gartenarbeit habe.“ Es sei eine Wiese gewesen, die sie vor rund 34 Jahren an dieser Stelle übernehmen konnten, „nicht mal halb so groß wie das heutige Grundstück“, erinnert sich Brunhilde Wiedmann. Doch „ein Stückle ist mehr wert als Geld“, habe ihr Mann gesagt und weiteres Land zugekauft.

Darin ist von allem etwas. Kein Durcheinander, sondern mit viel Liebe und Geschick zu einer „natürlichen“ Harmonie kombiniert. Da ist der Nutzgarten mit Beeren, Gemüse und seit diesem Jahr auch mit Kartoffeln. „Ich bin neugierig, ob die hier auch was werden“, so die Hobbygärtnerin. Der alte Baumbestand, der „Cox Orange“, „Brettlacher“ und die „Williams-Birne“ trägt, ist ergänzt um weitere Bäumchen, unter anderem einem Ginkgo, die man jeweils bei der Geburt eines Enkelkindes gepflanzt habe. Die Rosen versprühen den Charme eines Bauerngartens, man entdeckt dezent eingesetzte Deko, aus Holz oder Keramik, „allesamt von Menschen mit Handicap hergestellt“, ist ihr wichtig zu erwähnen. Filigrane Gräser wechseln sich mit vielen Blüten ab, darunter häufig die Iris, Wiedmanns absoluter Lieblingsblume. Rund 40 verschiedene Sorten könne man davon in ihrem Garten finden, „mein Mann und ich haben in Frankreich wunderbare Urlaube verbracht und die Schwertlilie ist ja die Wappenblume der Bourbonen“, erklärt sie dieses Faible.

In Essingen „in Stellung“

Wenn jemand sagt, sie habe eine Augenweide geschaffen, dann freut das die Seniorin auch deshalb, weil sie eine gärtnerische Autodidaktin ist. „Vielleicht hätte daraus ein Beruf werden können“, so Wiedmann rückblickend, „aber damals war es nicht üblich, dass Mädchen eine Ausbildung machen.“ Wie viele Frauen ihrer Generation kam die gebürtige Fränkin von der Schule weg „in Stellung“, wie man die Arbeit in fremden Haushalten nannte. Darunter zuletzt der von Familie van Saase, bekannt als Hollandgärtner, in Essingen, wo sie dann der Liebe wegen Wurzeln schlug. „Und wo ich mir dieses Paradies schaffen konnte“, sagt sie entspannt.

Darin gibt sie hin und wieder auch anderen Garteninteressierten ihr Wissen weiter. So wie jüngst den Teilnehmenden eines Workshops für naturnahes Gärtnern, veranstaltet vom Landratsamt Ostalbkreis und dem Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine Aalen, wo Wiedmann Mitglied ist. Bei solchen Treffen gibt’s viel Bewunderung für ihre Arbeit, aber auch immer die Frage nach dem Warum. Für die Antwort muss man nur beobachten, wie glücklich Brunhilde Wiedmann den Blick über ihr „Stückle“ schweifen lässt.

Mehr Bilder Mehr Bilder auf www.schwaepo.de

Der Rosenkäfer fühlt sich hier wohl Foto: Werner Volmari
Gartenidylle - ein Plätzchen zum Verschnaufen Foto: Werner Volmari
Ein Blütentraum Foto: Werner Volmari
Brunhilde Wiedmann weiß zu jedem Eck im Garten eine Geschichte Foto: Werner Volmari

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