Gaststätten: Da waren es nur noch vier

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In dieser Grafik geht es nur um traditionelle Gaststätten mit längerer Geschichte. Grafik: ca
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Wie viele traditionelle Gaststätten es einst in Essingen gab, zeigt ein Rückblick. Wie ist die aktuelle Lage?

Essingen

Blümle, Grüner Baum, Ritter, Krone, Löwen und, und, und – die Liste der Gaststätten in Essingen war endlos. Kartoffelsalat und Schnitzel gehen dort nicht mehr über die Theke. Die Traditionsgaststätten mussten schließen. Ein Verlust für eine Gemeinde, schließlich wird in Wirtshäusern der neuste Klatsch und Tratsch ausgetauscht – gutes Essen gemischt mit guter Unterhaltung eben.

"Stück für Stück geht die Kultur im Dorf verloren", sagt Bürgermeister Wolfgang Hofer. Dem Trend entgegenzusteuern sei schwer, sagt er. Vielleicht müsse sich auch die Struktur der Gaststätten verändern. "Das Remsgärtle ist etwa entstanden, weil ein Bedarf da war." Die Ansprüche an die Gastronomie ändern sich, wie Hofer sagt. "Früher wollte man das größte Schnitzel, heute eher die feine Küche." Der Schultes ist sich sicher, dass es neue Systeme geben werde. "Gaststätten spielen eine wichtige Rolle."

Um in die Zeit zurückzureisen, in der es in Essingen noch eine größere Auswahl an traditionsreichen Gaststätten gab, hat die SchwäPo einen Blick ins Buch "Die Wirtschaften im ehemals woellwarthschen Essingen" von Heinz Bohn geworfen. Eine Auswahl:

Todesurteil in der Gaststätte – Gasthaus Löwen: Eine lange Geschichte hat der Löwen hinter sich. Das Gasthaus, in dem die öffentlichen Sitzungen des Schöffengerichts starten, wird bereits im Juli 1554 in Aufzeichnungen erwähnt. Dort geht es alles andere als harmlos zu. Bei der Verkündung eines Todesurteils gibt es besondere Bräuche. Der Verurteilte wird auf den Hof des Areals verbannt. Dort liest der Gerichtsschreiber vor dem Publikum das Urteil vor – sicher nicht ganz angenehm. Wie dem auch sei: 1621 wird das Gebäude vermutlich neu erbaut. "Die Tafeln zwischen den beiden Steinlöwen an der Nordwand des Gebäudes weisen darauf hin", so Bohn.

Ab 1823 läuft das Gasthaus nicht mehr ganz so gut. Ein ständiger Besitzerwechsel folgt, die Wirte schaffen es immer wieder, sich über Wasser zu halten. Gasthof, Metzgerei, Unterkunft für Heimatvertriebene, Friseur – das Gebäude hat im Laufe der Jahre viele Funktionen. 2012 ist Schluss. Dann wird es abgerissen.

Napoleon isst Spiegelei – Gaststätte Blümle: Gutes Essen, günstige Preise und eine große Kastanie vor dem Haus, dafür ist das Gasthaus zum Blümle bekannt. 1688 bekommt Johann König die Erlaubnis, "zu ewigen Zeiten eine Gastherberge mit Schankwirtschaft zu erbauen". Auch Napoleon isst im Blümle – am 5. Oktober 1805 – und zwar Spiegeleier. "Einen Nachweis dafür gibt es aber nicht", schreibt Bohn. Nachzuweisen ist nur, dass Anfang Oktober 40 000 Franzosen auf ihrem Feldzug gegen Österreich an Essingen vorbeimarschieren.

1810 brennt es im Blüme, ein Handwerker stirbt. Der Betrieb wird danach wieder gestartet. Emma Holz ist die letzte Blümleswirtin. Nachdem 2005 ein Brand in der Gaststätte ausbricht, endet im Juli 2005 die Ära-Blümle, das Haus wird abgerissen. Nun steht dort ein Einkaufskomplex.

Eine kurze Ära – Gasthaus Ochsen: Für 88 Gulden haben drei Essinger 1872 das Recht erhalten, im Gebäude in der Kirchgasse 2 eine Gaststätte zu betreiben. Nach Besitzerwechseln wird der Ochsen um 1930 geschlossen. Ab 1948 lässt sich an dieser Stelle ein Zahnarzt nieder.

24 Stunden Gefängnis – Zur Goldenen Krone: 1674 gründet Johannes Ilzhöfer das Gasthaus in der heutigen Rathausgasse 19. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Philipp Gottfried Ilzhöfer die Wirtschaft. Der hat es nicht leicht. Als Zunftmeister der Essinger Bierbrauer muss er sich mit neidischen Zeitgenossen herumschlagen. Ihm wird etwa vorgeworfen, dass er seinen Hunden schlechtes und verfaultes Schaffleisch zu fressen gibt. Dagegen klagt er. Seine Widersacher müssen für "liederliches Geschwätz" 24 Stunden ins Turmgefängnis. Nach einigen Besitzerwechseln und dem Errichten einer Brauerei wird das Haus 1976 abgebrochen.

Ein Blick ins Jetzt: Der Ritter ist Geschichte. Ein Bauträger aus der Region hat das Areal gekauft, wie Bürgermeister Wolfgang Hofer vor Kurzem sagte. Was mit dem etwa 1600 Quadratmeter großen Gebiet im Herzen Essingens passiert, verriet der Schultes noch nicht. In den kommenden Jahre sei geplant, das Areal um den Ritter herum, sprich die neue Ortsmitte, weiter aufzuwerten. Es gebe Pläne für die Musikschule und den Farrenstall, sagte der Bürgermeister weiter. Auch für den ehemaligen Hirsch gibt's Pläne. Dieser soll abgerissen werden.

Auch über die Zukunft der Sonne kursieren im Dorf Gerüchte. Welche Pläne Betreiber Albrecht Meyer für die Gaststätte hat, ist noch unklar. Er wollte sich auf Anfrage vorerst nicht äußern. Philipp Meyer, Betreiber des Bären, wird die Tradition fortführen – wenn auch mit leicht geänderten Öffnungszeiten. "Montags haben wir erst nachmittags geöffnet", sagt Meyer. Auf der Vesperkarte seien nun ein bis zwei Gerichte weniger. Das regelmäßig startende Schlachtfest finde aktuell nicht statt, dies liege allerdings an Corona. "Wir haben einen zu kleinen Flur, so ist das Essen nicht umsetzbar", sagt Meyer weiter.

Die Gaststätte Tauchenweiler wird inzwischen von Pächterin Marina Juric betrieben. Die Rose in Essingen ist Schritt für Schritt wieder aus der coronabedingten Schließung zurückgekehrt. Zwei bis drei Gerichte gebe es aktuell auf der Karte weniger, sagt Hubert Holz.

Diese vier Gaststätten führen die Tradition in Essingen fort, sorgen im Ort – neben Pizzeria & Co. – für einen Ort der Begegnung.

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