Großes Geschieße aufs Pfarrhaus

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Das Essinger Pfarrhaus, gebaut 1913, hat den Zweiten Weltkrieg bis auf kleinere Schäden am Dach gut überstanden. Als die Amerikaner in Essingen einzogen, lebte die Pfarrfamilie Ott hier. Gertrud Ott hielt das Geschehen in einem Tagebuch fest.

Die frühere Pfarrfrau Gertrud Ott hat in ihrem Tagebuch notiert, wie Essingen die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs erlebt.

Essingen

Wie erlebten die Menschen in Essingen die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs? Pfarrfrau Gertrud Ott beschreibt diese Zeit in ihrem Tagebuch. Ihr Mann, Friedrich (Fritz) Ott, war von 1930 bis 1949 evangelischer Pfarrer in Essingen. Die Schwäbische Post druckt Auszüge.

1. April 1945, Osterfest: "Um 10 Uhr in die Kirche zur Osterpredigt. Nach dem Kaffee Spaziergang zum Leberblümle holen auf dem Pfaffensturz. Sieben Jabo (Jagdbomber) fliegen über uns und bombardieren Aalen. Wir liegen auf dem Waldboden in Deckung, die Kinder zitternd. Wie froh sind wir, als wir unsere Heimat unversehrt im Tal liegen sehen! Der Feind vor Bad Mergentheim und im Osten in Wiener Neustadt! Immer enger wird der Ring!

3. April 1945: Um 6 Uhr kreisen Tiefflieger über Essingen. Großes Geschieße auf den Bären (Gasthof), unser Haus und die Kirche. Unser Dach ist ganz durchlöchert, aber gottlob steigen wir alle heil wieder aus dem Keller.

7. April: Crailsheim sei in Feindeshand! Unsere liebe Heimat! Tiefflieger beunruhigen das Dorf, Soldaten ziehen durch, manche betteln um Brot; ohne Gewehr sind die meisten.

10. April: Essingen ist Frontgebiet! Wird bei uns Gefechtszone werden? Wir haben Essen, ein Bett usw. in den Keller geschafft. Heute auf dem abendlichen Friedhof Beerdigung von sechs Menschen, die bei Essingen im Zug beschossen worden sind! Neben all diesem Kriegsgeschehen geht das tägliche Leben weiter bei herrlichstem Frühlingswetter. Große Wäsche, Gartenarbeit. Seit gestern ist die Post gesperrt.

13. April: Heute war ein ruhiger Tag, friedlich und schön. Nur nachmittags flogen wieder einige Pulks viermotoriger Bomber übers Dorf. Die Soldaten bauen in der Umgebung Panzersperren und Stellungen!

17. April: Um halb 7 Uhr flogen sehr niedrig einige Bomberverbände über Essingen Richtung Aalen. Ich stand auf der Küchenveranda. Plötzlich sah ich einen Bombenregen fallen. Armes Aalen!

23. April: Um halb vier erneut alarmiert. Der Beobachter rief vom Turm: "Viele Truppen und Fahrzeuge nähern sich Forst." Kurz vor 10 Uhr, wir waren gerade am Einschlafen, ging ein schreckliches Krachen und Klirren los, das Haus erzitterte, die feindliche Artillerie belegte Essingen mit ihren Granaten. In wilder Flucht stürzten wir in den Keller. Nach dem Aufhören der Schießerei ging Fritz vors Haus und stellte fest, dass die Kirche, das Pfarrhaus und die Häuser ringsum noch stehen und dass es nirgends brenne. Doch hörte er in der Nähe Jammergeschrei "der Papa ist tot". (Anmerkung: Vier Menschen starben bei dem Angriff.)

24. April: Die Amerikaner sind im Dorf und verlangen das Aufziehen der weißen Fahne am Kirchturm. Studienrat Dr. Kleinert und Fritz führten die Anordnung durch und befestigten am nördlichen Turmfenster über der Uhr ein weißes Leintuch an einer Stange. Bald sah man auch die ersten amerikanischen Streifen in den Straßen. Um 10 Uhr gab Wolf (stellv. Bürgermeister) durch die Ortsschelle bekannt, dass alle Männer sich innerhalb zehn Minuten einzufinden hätten, um die Sperren an der Straße nach Tauchenweiler und Zang zu beseitigen. Zuvor erging der Befehl zur Ablieferung sämtlicher Waffen und Fotoapparate.

29. April: Aus der Welt hört man gar nichts, kein Radio, keine Zeitung. Das elektrische Licht brennt immer noch nicht.

9. Mai: Gestern Abend endlich wieder Licht und damit auch Radio. Essingen ist zur Zeit wieder ohne Amerikaner. Immer noch kommt und geht keine Post. Von heute an muß nicht mehr verdunkelt werden!"

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Das Essinger Pfarrhaus, gebaut 1913, hat den Zweiten Weltkrieg bis auf kleinere Schäden am Dach gut überstanden. Als die Amerikaner in Essingen einzogen, lebte die Pfarrfamilie Ott hier. Gertrud Ott hielt das Geschehen in einem Tagebuch fest.

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