Hermannsfeld und die umstrittene Freilerner-Schule: „Es ist Leben im Dorf“

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Hinter diesem Zaun wird unterrichtet.
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Im Weiler Hermannsfeld gibt's eine Freilerner-Schule, deren Berechtigung derzeit geprüft wird. Wie ist die Stimmung im Ort? Und welche Regeln gibt's für die Gründung einer Schule?

Essingen-Hermannsfeld

Auf einem ehemaligen Bauernhof in Hermannsfeld haben Mitglieder des Vereins „Junge Freilandmenschen“ eine Freilerner-Schule gegründet. Kinder aus dem Ostalbkreis besuchen diese. Das Staatliche Schulamt Göppingen und das Regierungspräsidium prüfen derzeit die Berechtigung der Schule. Über die Hintergründe hat die SchwäPo am Donnerstag berichtet

Ein Rundgang durchs Dorf

Wer darauf hofft, hier Menschen zu begegnen, wird enttäuscht. Ja, Kühe gibt es en masse, und auch Traktoren. Aber wer in Hermannsfeld mit jemandem sprechen will, muss einige Male durch das 25-Seelen-Dorf gehen. Würden nicht etliche Autofahrerinnen und -fahrer die Strecke als Schleichweg benutzen, um aus Richtung Mögglingen schneller nach Aalen oder Essingen zu kommen, würde nahezu Stille herrschen.

„Eine gute Pädagogin“

 Ja, dass es hier eine Freilerner-Schule gibt, wisse sie, sagt eine Bewohnerin am Donnerstagvormittag. „Ich bin dazu positiv eingestellt. Die Lehrerin hat Know-how und ist eine gute Pädagogin“, betont die Frau. Zudem habe die Leiterin eine gute Ausbildung und eine tolle Ausstrahlung. „Sie muss ihren Weg gehen“, sagt die Anwohnerin. Wurde das Einrichten der Schule im Dorf thematisiert? Nein, nicht unbedingt, antwortet die Frau. Aber sie müsse ja auch nicht das ganze Dorf um Erlaubnis fragen, wenn sie einen Melkroboter oder Ähnliches auf ihrem Hof einbauen wolle. Sie bekomme wenig vom Schulbetrieb mit, Kinderlachen sei ab und an zu hören. „Es ist Leben im Dorf“, sagt sie.

Freilerner sind Menschen, die das staatliche Schulsystem ablehnen und sich ohne Bindung an eine Bildungsinstitution selbstbestimmt bilden – junge Menschen sollen also selbst entscheiden, welchen Interessen sie wann nachgehen. Etwa 1000 Kinder, die ohne Schule lernen, gibt's laut „Deutschlandfunk“ in Deutschland. Kurz nach einer Kurve, in einer Art Sackgasse, verbirgt sich die Schule des nicht eingetragenen Vereins „Junge Freilandmenschen“ hinter einem Holzzaun. Ein ausgedientes Regal liegt in seine Einzelteile zerlegt davor. Kinderstimmen sind an diesem Vormittag keine zu hören. 

Negativ aufgefallen ist Bürgermeister Wolfgang Hofer der Hof nicht. Die Gemeindeverwaltung werde nichts gegen das Projekt unternehmen. Das sei Sache der Behörden. Seit etwa 20 Jahren gehöre der Vorsitzenden des Vereins, die Lehrerin im Staatsdienst ist, das Grundstück. „Ich kann nur Gutes über sie sagen.“

Überwiegend gehört der Weiler zu Essingen. Ein Anwesen – der Hofladen, dort gibt's etwa Eier und Brot – gehört zur Gemeinde Mögglingen. Hat Bürgermeister Adrian Schlenker etwas von dem Projekt mitbekommen? „Nein, davon habe ich bisher nichts gehört“, sagt er.

"Die Lehrerin hat Know-how und ist eine tolle Pädagogin.“

Anwohnerin Hermannsfeld
  • Lernbegleiter: ein nicht geschützter Begriff
  • Eva Bader, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Junge Freilandmenschen, sammelt mit sechs Mitstreitenden online Geld für die Weiterbildung zu „Lernbegleitern“. 25 000 Euro werden benötigt. Was sind Lernbegleiter? Und darf jeder eine Schule eröffnen? Das sagt Lisa Schlager, Sprecherin des Regierungspräsidiums (RP) auf Anfrage:
  • Was sind Lernbegleiter? „Lernbegleiter ist kein geschützter Begriff“, sagt die Sprecherin. Er werde häufig synonym zum Begriff „Lehrer“ verwendet, „wenn man im Rahmen einer besonderen Pädagogik darauf verweisen möchte, dass die Lehrkraft die Schüler dabei begleitet, den eigenen Lernprozess zu gestalten. Er wird dann auch für ausgebildete Lehrkräfte benutzt“, erklärt sie. Da der Begriff nicht geschützt sei, könne sich im Grunde jede Person Lernbegleiter nennen.
    Unterschied Lehrkraft Lernbegleiter: „Lehrkräfte, die an unseren Schulen tätig sind, müssen das erste und zweite Staatsexamen vorweisen. Sogenannten 'Nichterfüllern' fehlt das zweite Staatsexamen. Diese Personen werden überwiegend in Vorbereitungsklassen und Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen eingesetzt“, erklärt sie.
    Schulgründung: Welche Regeln gibt's? Privatschulen, die als Ersatz für eine öffentliche Schule betrieben werden sollen, seien genehmigungspflichtig. „Es wird etwa geprüft, ob die Schule in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurücksteht und ob eine Sonderung der Schülerinnen und Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“, so Schlager. Wer eine private Ersatzschule betreibt, ohne zuvor eine Genehmigung zu haben, handle ordnungswidrig. Dies könne mit einer Geldstrafe geahndet werden, so Schlager.
    Was passiert bei Verletzen der Schulpflicht? Eine Verletzung der Schulpflicht könne Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen sowie die Einleitung eines Bußgeldverfahrens zur Folge haben, erklärt die RP-Sprecherin. Die Schule werde in der Regel vorher das Gespräch mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern und den Erziehungsberechtigten suchen und arbeite mit den Behörden zusammen. Gegen Erziehungs- und Personensorgeberechtigte, die nicht dafür sorgen, dass ihr Kind die Schulpflicht erfüllt, könne ein Zwangsgeld verhängt werden. Gegebenenfalls werde das Jugendamt eingeschaltet, sagt sie.

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