Stammgäste ohne Stammkneipe

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Sie haben sich zum ersten Mal seit Beginn des zweiten Lockdowns wieder getroffen (von links): Mark Hägele, Markus und Susanne Maier, Karin Patzer und Peter Luick. Die Getränke hat der Wirt verschenkt.
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Markus, Susanne und Peter gehen im Melkschemel in Essingen ein und aus. Seit Start des Lockdowns waren sie nicht mehr in ihrer Kneipe. Ein Gespräch über das, was in diesen Zeiten fehlt.

Essingen

Bierschaum klebt am Zapfhahn. Vier Euro liegen auf der Theke. Mark Hägele (46) wischt mit einem feuchten Tuch über die Oberfläche und nimmt eine Bestellung auf. Menschen drängen sich im Melkschemel, gleich spielt eine Band – Alltag vor Corona. Bei diesem Besuch in der Bar ist der Zapfhahn trocken, die Oberflächen sind sauber, keiner tummelt sich an der Theke, die Spielautomaten sind aufgeklappt. „Damit Diebe wissen, dass es hier nichts zu holen gibt“, sagt Besitzer Mark.

Eine Schwade Zigarettenrauch durchzieht die Kneipe im Erdgeschoss. Peter Luick (67) sitzt an einem Tisch auf der Empore und hat sich eine Zigarette angezündet. Dort sind auch – mit Abstand – Susanne (47) und Markus (47) Maier und Karin Patzer (52). Wäre keine Pandemie, wären die Vier mehrmals die Woche in ihrer Kneipe. Susanne, Markus und Peter als Gäste, Karin als Bedienung.

Das erste Mal seit Beginn des zweiten Lockdowns sind sie nun im Melkschemel. Wie fühlt sich das an? „Leer“, antwortet Markus und Karin fügt hinzu: „Es ist ein komisches Gefühl, hier zu sein.“ Allen fehlen die Gespräche, das gemeinsame Bierchen trinken, die Diskussionen über Politik und Fußball, die Runde Dart. „Ich habe Freundschaften über den Melkschemel aufgebaut. Hat er zu, trifft man sich nicht“, sagt Chef Mark aus Göggingen, der im Lockdown das Lokal gestrichen, die schwebende Eisenbahn abgebaut und Luftreiniger bestellt hat.

Markus und Susanne besuchen den Schemel eigentlich nach Feierabend, manchmal auch mit Katze Maja. „Wir haben jetzt daheim renoviert. Ein Gschäftle finden wir immer“, sagt die 47-Jährige, nimmt einen Schluck von ihrer Cola und blickt zu ihrem Mann. Das Projekt des Essingers: den Garten umgestalten. „Hätte der Schemel offen, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen“, sagt er. Susanne freut's.

Rentner Peter entdeckt das Radfahren für sich. Mit einem Bierchen im Rucksack geht's mit dem motorisierten Gefährt nach Aalen, Abtsgmünd oder Tauchenweiler. Immer mit dabei: die Musikbox mit Musik von Andrea Berg und Wolfgang Petry. „Man kann ja nicht nur den ganzen Tag Fernseher schauen“, sagt der 67-Jährige. „Die Nachrichten aus dem Dorf fehlen“, sagt Peter. „Der Schemel gehört fast zum täglichen Leben“, fügt Markus hinzu und lässt seinen Blick durch die Kneipe schweifen. Die Sitzgelegenheiten sind um ihn herum aufgestuhlt. Der Flair, die Gemütlichkeit machen für den Familienvater den Schemel aus. „Das ist wie eine große Familie, jeder kennt jeden“, sagt Karin, die nebenher in der Bar arbeitet und noch einen festen Job hat.

Mark verschenkt das Bier

Und wie geht's Mark mit der Situation? „Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe. Die Soforthilfen der Regierung haben mir sehr geholfen“, sagt der 46-Jährige. Drei bis vier Mal in der Woche sieht er aktuell im Etablissement nach dem Rechten. Das Bier hat er rechtzeitig vor dem Ablaufdatum an seine Kundinnen und Kunden verschenkt. „Lieber verschenke ich es, anstatt es wegzuschütten.“ Anfang des zweiten Lockdowns habe er nie gedacht, dass er sein Lokal, das leergeräumt Platz für 120 Menschen bietet, für so viele Monate dichtmachen muss. „Es wird Zeit, dass es wieder losgeht“, sagt Mark, und Susanne, Markus, Peter und Karin stimmen ihm zu.

Im Keller hat Mark noch ein Fässle Bier. „Das ist bis Juli haltbar. Hoffentlich können wir das hier drin noch vor dem Ablaufdatum öffnen“, sagt er. Dann würde Schaum am Zapfhahn kleben, Geld würde auf der Theke liegen. Wir drücken die Daumen.

Ein Video finden Sie unter www.tagespost.de.

Der Melkschemel diente als Treffpunkt und hatte nicht geöffnet. Abstände wurden eingehalten und Fenster und Türen waren geöffnet.

Es ist ein komisches Gefühl, hier zu sein.“

Karin Patzer, Aushilfe Melkschemel

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