Zuerst das Pfarrhaus, dann die Stelle

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Das alte Pfarrhaus von 1721. Es wurde abgerissen.

Bevor erstmals ein Pfarrer fest nach Lauterburg kam, wurde vor 300 Jahren das Pfarrhaus erbaut. Warum erst danach die Pfarrstelle eingerichtet wurde.

Essingen-Lauterburg

Vor genau 300 Jahren wurde das Pfarrhaus in Lauterburg erbaut. Daran erinnert bis heute die farbige Stiftertafel, die allein übrig geblieben ist von dem Gebäude. Darauf das woellwarthsche Wappen, der liegende Halbmond, und die Jahreszahl 1721. Die Initialen "BEVW" verweisen auf die Stifterin Barbara Elisabeth von Woellwarth.

Die 1662 geborene Adelige stiftete 1722 eine Pfarrstelle für Lauterburg, das Pfarrhaus entstand ein Jahr davor. Bis dahin hatten die Gläubigen keinen eigenen Pfarrer und wurden von den Geistlichen der Nachbardörfer betreut – zunächst von Lautern, dann von Bartholomä und ab 1634 von Essingen.

"Das ging hin und her", sagt Heinz Bohn, ausgewiesener Kenner der regionalen Geschichte. Gottesdienste am Ort wurden nur alle paar Wochen gefeiert, deshalb mussten die Lauterburger immer irgendwohin laufen, wenn sie einen solchen besuchen wollten.

Und auch für die Geistlichen war es beschwerlich. Der Essinger Pfarrer habe eine bis anderthalb Stunden zu Fuß bis Lauterburg gebraucht, erzählt Bohn. War man mit dem Pferdewagen unterwegs, musste man damals den Weg über Mögglingen und Lautern nehmen, da die heutige Verbindungsstraße von Essingen her noch nicht existierte.

Ungewöhnlich ist, dass erst das Pfarrhaus gebaut und danach die Pfarrstelle eingerichtet wurde. "Sonst ist es umgekehrt", sagt Heinz Bohn. Denn die neue Pfarrei bedurfte erst der Zustimmung etwa der Grafen von Degenfeld und des Reichsritterkantons Kocher. Und selbst der damalige Essinger Pfarrer Offenhäuser hätte noch sein Veto einlegen können. Dieser zeigt sich wohlwollend und schreibt 1721 an Barbara Elisabeth, "dass das Vorhaben dem Essinger Pfarrer nicht zu Schaden gereicht".

Das ging hin und her.

Heinz Bohn Hobbyhistoriker

Das Lauterburger Pfarrhaus stand unterhalb der heutigen Bäckerei Maier. "Es liegt an der Hauptstraße des Dorfes, gesund und angenehm", so beschreibt 1869 Pfarrer Pfäfflin seinerzeit das Gebäude. Er lobt den Ausblick ins Tal und auf die gegenüberliegenden Höhen.

Der Bauantrag für ein neues Pfarrhaus wurde 1982 bewilligt, gleichzeitig mit der Abrissgenehmigung für das alte. Das jetzige Pfarrhaus steht gegenüber der Kirche. Der bunte Stifterstein neben der Eingangstür erinnert an die lange Geschichte des Vorgängerbaus.

Der letzte Pfarrer, der dort wohnte, war Thomas Auerswald. Von 1994 bis 2005 lebte er im Haus in der Bäckergasse 7. Heute ist das Pfarrhaus vermietet. Pfarrerin Gisela Fleisch-Erhardt nutzt den separaten Amtsbereich. "Ich komme gern hierher", sagt sie. "Kirche, Pfarrhaus und Gemeindesaal bilden ein schönes Ensemble und sind heute dichter beieinander als ursprünglich."

Die Theologin mit halbem Dienstauftrag ist die erste Pfarrerin seit 300 Jahren. Sie wird wohl auch die einzige bleiben, denn laut Pfarrplan fällt die Stelle ab 2024 weg. Die Lauterburger Kirchengemeinde soll dann wieder von Essingen aus betreut werden. Veranstaltungen zum Jubiläum sind der Pfarrerin zufolge für 2022 geplant, wenn sich die Einrichtung der Pfarrstelle zum 300. Mal jährt.

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