Als Panzer übers Härtsfeld rollten

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Wie Neresheim 1945 die letzten Kriegstage erlebt, wie die Amerikaner in die Stadt kommen und wo Gefallene zu beklagen sind.

Neresheim

Das Härtsfeld lag weit ab vom eigentlichen Kriegsgeschehen – und das galt auch für Neresheim. So schreibt der vor fünf Jahren im Alter von 91 Jahren verstorbene Stadtchronist Karl Ziegelmüller in seinen Aufzeichnungen als Zeitzeuge über die letzten Kriegstage. Doch dann greifen Tiefflieger die Schättere an und rollen Panzer über die Äcker und Straßen der Härtsfeld Gemeinden.

Es ist Winter 1945 auf dem Härtsfeld. Die Front rückt näher. Die Fliegeralarme nehmen zu. Karl Ziegelmüller schreibt: "An vielen Abenden zog ich mit meinem Nachbarn durch das verdunkelte Städtchen auf den Sohl, wo man bei günstiger Windrichtung schon den Geschützdonner hören konnte." In dieser Zeit geht der Rückzug der deutschen Wehrmacht durch das Städtchen.

"Am Ostersonntag, 1. April, Nachmittag 4 Uhr wurde plötzlich der Volkssturm alarmiert", heißt es in der Chronik des Klosters, die der derzeitige Bibliothekar, Pater Martin, niedergeschrieben hat. Die Amerikaner seien bis Mergentheim vorgestoßen: Darum müsse der Volkssturm auch im hiesigen Städtchen Panzersperren bauen. Die werden bei Buchbinder Ledl und beim "Rössle" errichtet. Sollten die Volkssturmmänner beim Heranrücken der Amerikaner die Panzersperren schließen und Widerstand leisten, sei zu befürchten, dass die Amerikaner die Stadt in Brand schießen. "Auch das Kloster könnte von Bomben getroffen werden und in Schutt und Asche sinken. "Es wurde sogar davon gesprochen, dass hier oben Artillerie in Stellung gehen werde", berichtet Pater Martin in der Chronik. Ziegelmüller war dabei, als die Panzersperren errichtet wurden. "Ich stand bei den Männern, die schweißtriefend die ungewohnte, schwere Arbeit verrichteten", schreibt er. Die starken Stämme, die in den Boden gerammt wurden, stammten, so Zeitzeuge Ziegelmüller, aus dem städtischen Wald. "Führende Persönlichkeiten der ‚Partei‘ beaufsichtigten das unsinnige Tun", kommentiert Ziegelmüller später.

Jabos bringen den Tod

Immer wieder suchen feindliche Tiefflieger ihr Ziel. Die Schättere war gleich mehrmals im Visier der sogenannten "Jabos" mit ihren Bordkanonen und Bomben. Bereits im Februar greifen sie die Bahn bei Dischingen an.

Laut Ziegelmüller habe es dort danach "wie in einem Schlachtfeld ausgesehen". Er berichtet von fünf Toten und zwei Schwerverletzten.

Ein weiterer Angriff auf die Schättere geschieht in der Nähe von Elchingen. Es ist der Frühzug, den die Flieger am 10. April attackieren. Lokführer Seitz wird so getroffen, dass er am nächsten Tag im Lazarett stirbt. "Sogar ein Güterzug wurde im Waldversteck ‚Brünstholz‘ aufgespürt und beschossen."

Mitte April erreichen amerikanische Panzer Aalen. In Neresheim ist die einzig noch verbliebene Glocke zur Alarmierung bestimmt. Am Samstag, 21. April, sitzt Karl Ziegelmüller mit einigen Kameraden in einer Wirtsstube. "Als jemand schreit, es läutet, stürzten wir ins Freie", berichtet der Zeitzeuge. Wie zur Abreise werden Koffer gepackt. Ziegelmüller streift durch die Straßen.

"Ein SS-Offizier, der aus Richtung Bopfingen kam, gab Befehl zur Verteidigung der Stadt", erinnert er sich. Im Rathaus, so der Chronist weiter, habe es dafür ein Gewehr K 98 und drei Panzerfäuste gegeben. Die Parteifunktionäre hätten sich abgesetzt. In der Stadtchronik steht: "In dieser Nacht siegte gesunder Bürgersinn zum ersten Male über sturen Parteifanatismus."

In der Frühe des 22. Aprils, ein Sonntag, fahren Panzer, die die Nacht in Elchingen verbracht haben, in Richtung Ebnat. Andere kommen von Dorfmerkingen durch das Dossinger Tal. An der Egau beschießen sie SS-Soldaten, die sich dort versteckt haben. Niemand stirbt. Die Panzersperren bleiben offen. Ziegelmüller schildert, wie ein Bürger mit einem weißen Taschentuch den Amerikanern signalisiert, die Stadt sei nicht mehr besetzt. "Zögernd nur, um 7.30 Uhr, fuhr der erste Panzer in das Städtchen ein. Die Menschen standen hinter Fenstern. Manche hissten weiße Flaggen. Das meiste schien überstanden."

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